{"corpus":"steiner","locus":"GA 10/l09/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das sind die drei Irrpfade, auf welche der Geheimschüler geraten kann: das Gewaltmenschentum, die Gefühlsschwelgerei, das kalte lieblose Weisheitsstreben. Für eine äußerliche Betrachtungsweise – auch für die materialistische der Schulmedizin – unterscheidet sich das Bild eines solchen auf Abwegen befindlichen Menschen, vor allen Dingen dem Grade nach, nicht viel von demjenigen eines Irrsinnigen oder wenigstens einer schwer «nervenkranken Person». Ihnen darf natürlich der Geheimschüler nicht gleichen. Es kommt bei ihm darauf an, daß Denken, Fühlen, Wollen, die drei Grundkräfte der Seele, eine harmonische Entwickelung durchgemacht haben, bevor sie aus der ihnen eingepflanzten Verbindung gelöst und dem erwachten höheren Bewußtsein unterstellt werden können. – Denn ist einmal der Fehler geschehen, ist eine Grundkraft der Zügellosigkeit anheimgefallen, so tritt die höhere Seele zunächst als eine Fehlgeburt zutage. Die ungebändigte Kraft füllt dann die ganze Persönlichkeit des Menschen aus; und für lange ist nicht daran zu denken, daß alles wieder ins Gleichgewicht kommt. Was als eine harmlose Charakterveranlagung erscheint, solange der Mensch ohne Geheimschulung ist, nämlich ob er eine Willens-, Gefühls- oder Denkernatur ist, das steigert sich beim Geheimschüler so, daß sich das zum Leben notwendige Allgemeinmenschliche demgegenüber ganz verliert. – Zu einer wirklich ernsten Gefahr wird das allerdings erst in dem Augenblicke, in welchem der Schüler die Fähigkeit erlangt, Erlebnisse wie im Schlafbewußtsein so auch im wachen Zustande vor sich zu haben. Solange es bei der bloßen Erhellung der Schlafpausen verbleibt, wirkt während des Wachzustandes das von den allgemeinen Weltgesetzen geregelte Sinnesleben immer wieder ausgleichend auf das gestörte Gleichgewicht der Seele zurück. Deshalb ist es so notwendig, daß das Wachleben des Geheimschülers in jeder Richtung ein regelmäßiges, gesundes sei. Je mehr er den Anforderungen entspricht, welche die äußere Welt an eine gesunde, kräftige Gestaltung von Leib, Seele und Geist stellt, desto besser ist es für ihn. Schlimm dagegen kann es für ihn werden, wenn das alltägliche Wachleben aufregend oder aufreibend auf ihn wirkt, wenn also zu den größeren Veränderungen, die in seinem Inneren vorgehen, irgendwelche zerstörende oder hemmende Einflüsse des äußeren Lebens hinzutreten. Er soll alles aufsuchen, was seinen Kräften entsprechend ist und was ihn in ein ungestörtes, harmonisches Zusammenleben mit seiner Umgebung hineinbringt. Und er soll alles vermeiden, was dieser Harmonie Eintrag tut, was Unruhe und Hast in sein Leben bringt. Dabei kommt es weniger darauf an, diese Unruhe und Hast sich in einem äußerlichen Sinne abzuwälzen, als vielmehr darauf, zu sorgen, daß die Stimmung, die Absichten und Gedanken und die Gesundheit des Leibes darunter nicht fortwährenden Schwankungen ausgesetzt werden. – All das fällt dem Menschen während seiner Geheimschulung nicht so leicht wie vorher. Denn die höheren ErJehnisse, die nunmehr in sein Leben hineinspielen, wirken ununterbrochen auf sein ganzes Dasein. Ist innerhalb dieser höheren Erlebnisse etwas nicht in Ordnung, so lauert die Unregelmäßigkeit unausgesetzt und kann ihn bei jeder Gelegenheit aus den geordneten Bahnen herauswerfen. Deshalb darf der Geheimschüler nichts unterlassen, was ihm stets die Herrschaft über sein ganzes Wesen sichert. Nie sollte ihm Geistesgegenwart oder ein ruhiges Überblicken aller in Betracht kommenden Situationen des Lebens mangeln. Aber eine echte Geheimschulung erzeugt im Grunde alle diese Eigenschaften durch sich selbst. Und man lernt während einer solchen die Gefahren nur kennen, indem man zugleich in den richtigen Augenblicken die volle Macht erlangt, sie aus dem Felde zu schlagen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Spaltung der Persönlichkeit während der Einweihung","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":536,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/10/l09/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["HR1960","MAC1909","RSPC1947"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/10/l09/p009"},{"lang":"en","edition":"RSPC1947","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/10/l09/p009"}]}