Vierter Vortrag
Das erste Erlebnis ist also die Wahrnehmung des eigenen Leibes; von diesem Erlebnis nehmen alle andern ihren Ursprung. Stark empfindet da der Mensch das Gefühl der Befreiung von den leiblichen Hüllen, denn es ist ja der beglückende Augenblick, wo er auch den letzten der Leichname, den Astralleichnam, abgelegt hat. Wie eine in einen Felsspalt eingeklemmte Pflanze es als Seligkeit empfände, wenn sie befreit würde, so wird dieses Gefühl der Seligkeit zu einer Grundempfindung des Menschen. Diese Seligkeit durchdringt und verklärt dann auch die früher mehr irdisch durchlebten Gefühle, zum Beispiel solche der Freundschaft, die hier vielleicht gewissen Wandlungen unterworfen waren und die drüben vertieft und geläutert werden. Eine solche Läuterung erfährt auch die Liebe der Mutter zu ihrem Kinde, und umgekehrt: das ursprünglich animalische Gefühl des Verbundenseins, das schon hier zu einem moralischen wurde, entfaltet sich im Devachan zu einer noch höheren sittlichen Macht. Alle hier auf Erden geknüpften Bande erfahren eine Vertiefung im Geistgebiet, sich gegenseitig durchdringend. Durch Liebe arbeitet sich der Mensch schon hier empor aus der Enge der Selbstsucht ins Umfassende des Welterlebens. Dort aber ist nichts voneinander abgeschlossen, getrennt, einer arbeitet für den andern, denn Arbeit ist auch dort das die Seelen tragende und fördernde, verbindende Element, die Liebe aber der unerschöpfliche Quell alles Lebens.
Cite:
GA 100/1907-06-19/p019 · edition original