Siebenter Vortrag

GA 100/1907-06-22/p029 ·1907-06-22 · original (original)
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Man soll aber nicht sagen: Da darf ich nicht eingreifen. - Das wäre genau so töricht, als wenn ein Kaufmann nach Abschluß der Bilanz sagen wollte: Jetzt darf ich kein Geschäft mehr machen, denn sonst verändere ich meine Bilanz. - Genau so, wie der Kaufmann durch jeden guten Abschluß seine Bilanz verbessert, so verbessere ich auch durch jede gute Tat mein Karma. Genau so, wie es dem Kaufmann jederzeit freisteht, einen Posten auf die eine, Soll, oder auf die andere Seite, Haben, seines Kontos zu setzen, so auch dem Menschen im Kontobuch des Lebens. Der Mensch ist immer frei in seinem Handeln, nicht etwa trotz des Karmagesetzes, sondern gerade unter Berücksichtigung desselben. Gerade wenn wir wissen, daß alles, was wir tun, und zwar aus voller Freiheit tun, seine Wirkungen in diesem Kontobuch des Lebens haben wird, gerade deshalb können wir demjenigen nicht recht geben, der nicht dem Elenden hilft. Das ist genau so, als wenn ein Kaufmann vor dem Konkurs steht und uns um ein Darlehen von zwanzigtausend Mark bittet. Werden Sie ihm nicht die zwanzigtausend Mark geben, wenn Sie wissen, daß es ein tüchtiger Geschäftsmann ist, der sich mit diesem Darlehen wieder emporarbeiten kann? So ist es auch bei dem Elenden: dem helfen Sie sein Karma auszubessern, auf daß sich sein Schicksal nach dem Guten wende, und zugleich verbessern Sie Ihr eigenes Karma durch diese gute Tat. So ist das Karmagesetz in der Tat ein Gesetz für ein werktätiges Eingreifen im täglichen Leben. Und daß man das Karmagesetz gerade von dieser Seite richtig verstehen lernt, das ist besonders wichtig, wenn wir es im Verhältnis zum Christentum betrachten. Da herrschen heute gerade auf theologischer Seite schwere Mißverständnisse. Die Theologen von heute sagen: Wir lehren, daß durch den Tod am Kreuz die Sünden vergeben sind, und Ihr lehrt das Karmagesetz; das aber steht doch in einem Widerspruch dazu. — Das ist aber nur ein scheinbarer Widerspruch, weil das Karmagesetz einfach nicht verstanden wird. Und umgekehrt gibt es Theosophen, die da sagen, daß sie ihrerseits wieder den Sühnetod nicht annehmen können; diese aber verstehen das Karmagesetz ebensowenig.

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