Neunter Vortrag
Einst trieben die Götter Lustbarkeiten im Asenheim, und sie warfen im Himmel spielend herum mit den verschiedensten Gegenständen. Aber vorher hatte Baldur Träume, die auf seinen baldigen Untergang hindeuteten; deshalb waren die Götter ängstlich, daß sie ihn verlieren könnten. Die Göttermutter hatte darauf allen Wesen Eide abgenommen, daß sie nie Baldur verletzen würden; denn die Götter hatten sich den Spaß gemacht, mit allen möglichen Dingen nach Baldur zu werfen. Loki, welcher der Gegner der Götter war, hatte erfahren, daß einem Wesen, das man für unschädlich hielt, dieser Eid nicht abgenommen war, der Mistel, die fern irgendwo verborgen war. Da verschaffte er sich die Mistel und gab sie dem blinden Gotte Hödur, der damit nach Baldur warf; die Mistel verwundete Baldur, da ihr der Eid nicht abgenommen war, und so starb Baldur. — Es soll in dieser Mythe angedeutet werden, daß dasjenige, was auf der Erde unverletzlich ist, durch nichts geschädigt werden kann als allein durch das, was als nun Schlechtes von einem andern Dasein zurückgeblieben ist. In der Mistel wurde etwas empfunden, was aus einem früheren Dasein in das jetzige hereingebracht worden ist. Alle die Wesen, die heute auf der Erde sind, haben ein Verhältnis zu Baldur. Auf dem Monde war es anders; daher ist das Wesen, das vom Monde zurückgeblieben ist, fähig, Baldur zu töten. Auch sonst sind die verschiedenen Bräuche, die an die Mistel anknüpfen, daraus entstanden.
Cite:
GA 100/1907-06-24/p016 · edition original