Zehnter Vortrag

GA 100/1907-06-25/p014 ·1907-06-25 · original (original)
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Das Herüberwandern der Atlantier nach Osten hat sich in wunderbarer Weise in einem Sagenkreis Europas erhalten. Auf dem Kontinent der alten Atlantis konnte der Mensch nicht «Ich» zu seiner einzelnen Persönlichkeit sagen. Daher gab es dort auch nicht jenen Egoismus, der später die Grundlage der sozialen Ordnung gebildet hat. Dem Atlantier gehörte noch das, was die ganze Blutsverwandtschaft besaß, und er fühlte sich nur als ein Glied innerhalb dieser Blutsverwandtschaft. Dann begann die Wanderung nach dem Osten. Immer mehr trat das Ich-Bewußtsein im Menschen hervor und damit die Selbstsucht. Der Mensch lebte vorher viel mehr in der Außenwelt als im Innern; es gehörte die Natur noch zu ihm. Wie in der Natur darinnen, ihr zugehörig, fühlte sich der Mensch. Nun, mit dem Erlangen des Ich-Bewußtseins, wurde es immer enger und enger um ihn, immer mehr scheidet er sich heraus, immer fremder wird er da, und immer stärker tritt das Ich hervor. Das war zu gleicher Zeit verknüpft mit einem Naturvorgang. Wenn der alte Atlantier hinaufsah zum Himmel, konnte er die Sonne so nicht sehen, wie wir sie sehen; dichte Nebelmassen füllten die Luft an. Einen mächtigen Hof mit Regenbogenfarben erblickte er, wenn er auf die Sonne oder den Mond schaute. Dann kam die Zeit, wo der Atlantier die Sonne und den Mond als solche sah. Eine Erscheinung aber kannte der Atlantier überhaupt noch nicht: das war der Regenbogen selbst. Erst als die Wasser der Atlantis die Luft verließen, als eine Verteilung von Regen und Sonnenschein sich bildete wie heute, lernte man die’ Tatsache des Regenbogens kennen. In jener wassergeschwängerten Atmosphäre gab es keinen Regenbogen. Nun erinnern Sie sich, daß die alte atlantische Flut große Länderstrecken freigelegt hat; dieses Freiwerden großer Strecken ist in großartiger Weise in der Sage und besonders in der Bibel erhalten. Denken Sie nur an die tiefe Wahrheit, die in der Bibel enthalten ist, wenn Sie lesen: «Und Noah sah, als die Wasser abgezogen waren, den Regenbogen.» Mit dem Reinwerden der Luft von den alten atlantischen Nebeln war erst die Sonne in ihrer freien heutigen Gestalt für den Menschen hervorgerreten. Das ging parallel mit dem Einengen, dem Zusammenschnüren des Menschen zu seiner Selbstheit, seiner Ichheit. - Aus Gründen, die tief liegen, bezeichnet man in der Geistesweisheit das den Raum durchflutende Licht als das ätherische Gold, und das Gold sieht man an als das dicht gewordene Sonnenlicht. Die alten Atlantier wußten von ihren atlantischen Lehrern, daß das Sonnenlicht und das Gold etwas miteinander zu tun haben, und dies war das Bild, das sie empfingen: Das Sonnenlicht, das Sonnengold kommt heraus! Es umkleidet euch mit dem Ring, der das Selbst herauslöst, der bewirkt, daß ihr euch nicht mehr selbstlos in der Natur fühlt. - Bei den Atlantiern war das Selbst noch in den Nebelwolken verstreut; jetzt legt es sich wie ein Ring um den Menschen herum.

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Cite: GA 100/1907-06-25/p014 · edition original