Zwolfter Vortrag
Diese Urliebe, die entstanden ist mit dem Heruntersteigen der Seelen in die physischen Leiber, steht also abnehmend in dem Zeitenlauf vor uns; die floß in den Menschen in dem Moment ein, der in der Bibel mit den Worten geschildert wird: «Und Gott blies dem Menschen den Odem ein, und er ward eine lebendige Seele.» Damals aber entstand noch etwas anderes. Der Mensch war eine lebende Seele und damit ein Lungenatmer geworden. Die Luft, die er so einatmete, bewirkte sein rotes Blut, und in dem roten Blut drückt sich die Ich-Natur aus. Solange das Blut ein gemeinschaftliches ist, so lange ist das Ich ein gemeinsames, wie wir es im Judentum sehen, wo ein ganzes Volk von einer Gruppenseele beherrscht ist. Aber immer mehr reifen die Menschen dazu heran, unabhängig zu werden von dem Verwandtenblut. Als der Odem in den Menschen eingezogen ist, war dies die erste Anlage zur Blutbildung. Aber erst durch lange Zeiträume ist die Menschheit reif geworden, dieses Blut so zu durchwirken, daß anstelle der Urliebe die allgemeine Menschenliebe treten kann. Denken Sie sich den Fortgang der Menschheit, wie ich ihn eben geschildert habe: Die Urliebe würde allmählich sterben, die Verwandtenliebe - von Mutter zu Kind und so weiter — müßte abnehmen; das Blut wirkt nicht so weit, daß ein Band der Liebe die ganze Menschheit umfassen könnte, und die Gewalt des Ich, die Gewalt der Selbstsucht wird immer größer werden. Da mußte ein Ereignis eintreten, das an die Stelle der Urliebe eine andere Liebe, eine geistige Liebe ins Dasein gerufen hat: dieses Ereignis ist das Christentum. Mit dem Erscheinen des Christentums ist das hintangehalten worden, was sonst eingetreten wäre: das Auseinanderfallen der ganzen Menschheit zu einzelnen Menschenatomen. Die Menschen müssen immer selbständiger werden, das liegt in der Entwickelung ihres Blutes; aber nun muß auf geistige Art wieder zusammengeführt werden, was auf natürliche Art auseinandergetrieben worden ist, durch die neue Kraft, die jetzt ohne Blutsliebe wirken kann: dies ist das Christentum. Das Mysterium von Golgatha bekommt damit eine fundamentale Bedeutung für die ganze Menschheitsentwickelung. Wenn wir das verstehen, verstehen wir die Bedeutung des Wortes: das Blut Christi. Nicht ist es etwas, was man nur äußerlich erfahren und erforschen kann, sondern etwas, was selbst als mystische Tatsache betrachtet werden muß. Mit vollem Bewußtsein ist daher mein Buch genannt - nicht die «Mystik des Christentums», sondern: «Das Christentum als mystische Tatsache.»
Cite:
GA 100/1907-06-27/p015 · edition original