Vierzehnter Vortrag
Ich hatte Ihnen zunächst eine Vorstellung geben wollen von dem Geiste, in dem die christlich-gnostische Schulung verläuft. In der Rosenkreuzerschulung finden Sie das tiefste, echteste Christentum, Sie können Christ sein im wahrsten Sinne des Wortes, trotz allem modernen Leben. Man konnte Christ im alten Stil sein, so lange es mehr Möglichkeiten gab, sich von der Welt zurückzuziehen, und so lange noch nicht die Gedankenformen in uns eingezogen waren, die uns heute so schwer machen, es zu sein. Diese aus der naturwissenschaftlichen Denkweise heraus gebildeten Vorstellungen machen es aber dem Menschen schwer, das Christentum in der ursprünglichen Form in sich aufzunehmen. Gerade die edelsten Geister sind es, die sagen: Ich kann mit dem Christentum heute nichts mehr vereinigen. - Wohl lebt die geistige Welt in unserer Umgebung, aber auch das, was die materialistische Zeit an Gedankenformen hervorbringt, lebt in uns. Wir sind immerfort umgeben von den so geprägten Gedankenformen des materiellen Lebens. So daß, wer gewissenhaft ist, sich sagen muß: Es braucht unsere Zeit ein Mittel, das sich inmitten dieser in uns einströmenden Vorstellungen bewähren kann, um uns aufrechtzuerhalten gegenüber allem, was von der Welt her in uns einfließt. —- Durch die Geisteswissenschaft wird es uns gereicht. Weist man dieses Mittel zurück, will man es sich nicht aneignen, so ist man ein Egoist. Geisteswissenschaft fühlt sich als die Testamentsvollstreckerin dessen, was auch die mittelalterliche Theosophie schon gewollt hat. Sie kann aber von jedem, auch von dem verstanden werden, der mit all den berechtigten Einwänden der Naturwissenschaft bekannt ist. Jeder wird heute in der rosenkreuzerisch orientierten 'Iheosophie das finden können, was ihn zu einer Erkenntnis der Welt führt und auch zu einem Frieden der Seele, zur Sicherheit im Leben. Keine solche Erkenntnis, die bloß Theorie ist und über die man mit bloßen Gründen streiten kann, ist die Theosophie des Rosenkreuzers, sondern eine Erkenntnis, die einfließen muß in unsere ganze Kultur. Der im rosenkreuzerischen Sinne geschulte Theosoph weiß selbst alles, was sich an Einwänden erheben läßt; alle die Gegenargumente kennt er selbst. Wenn man mit Gründen dagegen streiten würde, würde es so gehen, wie es einmal Eduard von Hartmann mit seiner «Philosophie des Unbewußten» ergangen ist. Eduard von Hartmann veröffentlichte seine «Philosophie des Unbewußten». Er hatte darin über den Darwinismus und so weiter Sachen gesagt, die sich wie ein höherer Standpunkt gegenüber dem materialistischen Standpunkte der naturwissenschaftlichen Forschung ausnahmen. Da standen die Gelehrten alle gegen ihn auf, und es erschien eine Flut von Kritiken gegen diese «Philosophie des Unbewußsten». Der größte Dilettant wurde Eduard von Hartmann genannt! — Unter diesen vielen Broschüren erschien auch eine von einem Anonymus; es wurde darin die «Philosophie des Unbewußten» glänzend widerlegt mit allem, was man nur anführen konnte, wenn man das Wissen unserer Zeit beherrscht. Diese Broschüre fand überall großen Beifall. Und es sagte zum Beispiel Oscar Schmidt, der berühmte Zoologe: Schade, daß wir nicht wissen, wer diese Gegenschrift geschrieben hat, denn das ist ein Mensch, der auf der naturwissenschaftlichen Höhe seiner Zeit steht! — Und Ernst Haeckel sagte: Er nenne sich, und wir zählen ihn zu den unsrigen! — In der Tat machte diese Broschüre ein großes Aufsehen. Und es erschien eine zweite Auflage mit dem Namen des Verfassers, Eduard von Hartmann! Die Naturforscher fingen jetzt an zu schweigen, und die Sache ist auch nicht sehr bekanntgeworden. Aber sie war denn doch einmal dagewesen.
Cite:
GA 100/1907-06-29/p035 · edition original