Sechster Vortrag
Atlantis war in der letzten Zeit ein Nebelland, mit dichtem Nebel bedeckt; es gab nicht die Abwechslung von Regen und Sonnenschein, auch nicht die Erscheinung des Regenbogens. Dieser konnte erst in der nachatlantischen Zeit entstehen, als die Nebelmassen sich verteilten. Dieses Ereignis ist im Volksbewußtsein lebendig geblieben als die Sage von Heimdall und in der Erzählung von Noah und der Arche. Die Erinnerung an das Nebelland hat sich erhalten in der nordischen Bezeichnung Niflheim, Nebelheim. Auch den Einschlag des Ich in die menschliche Persönlichkeit haben sich die nordischen Völker bewahrt in der Nibelungensage. Und zwar ist das Ich dort unter dem Symbolum des Goldes dargestellt. Das Gold war aufgelöst im Wasser, es hat sich aber zusammengezogen in den Ring, den Schatz der Nibelungen: das bisher in der ganzen Welt verteilt gewesene Ich hat sich zusammengezogen in die feste Menschenform. An der Bearbeitung dieser Sage durch Wagner kann man recht das unbewußte Empfinden des schaffenden Künstlers wahrnehmen. Wagner hatte nicht das ganze Bewußtsein dessen, was er in seinem Werke schuf, aber ein unterbewußtes Wissen leitete ihn. So dürfte zum Beispiel Wagner das zum Bewußtsein gekommene Ich im Orgelpunkt, der sich durch die ganze Ouvertüre der Oper «Rheingold» durchzieht, charakterisiert haben.
Cite:
GA 100/1907-11-21/p006 · edition original