Dritter Vortrag
Auf jene uralte heilige Zeit blickt die Geisteswissenschaft zurück, als der Mensch noch nichts von den sexuellen Kräften wußte. In den alten Mysterien wurde ein Bild verehrt, das den Menschen darstellt, der noch ungeschlechtlich war, bei dem noch nicht umgestaltet war das Geschlechtliche. An der Stelle des Leibes, wo heute die Sexualorgane sind, können wir rankenartige, pflanzliche Organe erblikken, die bloß vom Ätherleib durchzogen sind und noch nichts vom Astralleib in sich tragen. Der Hermaphrodit der antiken Kunst tritt uns so entgegen. Er wurde so abgebildet, wie man den früheren Menschen auch aus der Geistesforschung heraus schildern kann. Er hat Pflanzenorgane an der Stelle der jetzigen Fortpflanzungsorgane, und aus seinem Rücken treiben rankenförmige Pflanzengebilde heraus. Jetzt begreifen wir - in anderer Weise, als es die kindliche Art ist, in der man dies gewöhnlich versteht -, warum die alten Mythen und die biblische Geschichte vom Feigenblatt sprechen: Nicht um etwas zu verdecken, zu verhüllen, sondern um auf eine wirkliche Tatsache in der Menschheitsentwickelung hinzudeuten, auf jenen uralten heiligen Zustand, von dem die Alten noch wußten, daß der Mensch da auf einer höheren Stufe gestanden hatte und die Organe an dieser Stelle noch pflanzlicher Natur gewesen waren.
Cite:
GA 101/1907-10-21/p034 · edition original