Weisse und schwarze Magie
Das ist sozusagen das Abc, das allererste, was in der schwarzen Magie getan wird. Und wenn das getan würde, würde sich das, was früher als Furcht im Menschen war, umwandeln in Kräfte, durch die er in der Tat einen gewissen Einfluß auf seine Umgebung gewinnen könnte; und wer sich solcher Gehilfen bedienen würde, würde die unglaublichsten Scheußlichkeiten in der Welt verrichten können. Wer aber ohne Gehilfen selbst ein großer schwarzer Magier werden will, der tut manchmal noch etwas ganz anderes. Ein solcher schwarzer Magier wollte einst ein Mensch des 15. Jahrhunderts werden, Gilles de Rais, den die profane Welt «Ritter Blaubart» genannt hat. Dieser Mensch suchte gewaltige okkulte Kräfte in seinen Besitz zu bekommen, nicht auf dem rechtmäßigen Wege des Lernens, sondern dadurch, daß er gewisse tief in ihm liegende egoistische Gefühle umwandelte. Er war zu gleicher Zeit ein ausgezeichneter Beobachter seiner selbst. Verzeihen Sie, wenn ich ein Wort ausspreche, das sonderbar klingen wird. Dieser Mann war das, was man nennen könnte «der radikalste christliche Egoist» oder «egoistische Christ». Solche hat es nämlich auch gegeben und gibt es noch. Es sind solche, die das Christentum vor allen Dingen als eine Brücke betrachten, um für sich selbst möglichst viel zu erlangen, weil es ihnen klar ist, daß ein guter Christ weit kommen kann in der Seligkeit. Durch Selbsterkenntnis bemerkte er dies in seiner Natur, und als er es bei sich bemerkt hatte, kannte er schon das beste Mittel, wodurch man das umwandeln kann in unglaubliche Zauberkräfte. Es ist ihm allerdings früh das Handwerk gelegt worden. Es wurde ihm der Prozeß gemacht, und da zeigte sich, daß der Mann 1432 angefangen hatte, um seine besonderen okkulten Kräfte zu entwickeln, ein Kind nach dem anderen zu morden. Leben zu vernichten, das hat er angesehen als ein besonderes Mittel, um das, was er nicht selbst als Wissen haben konnte, der Natur abzulauschen. Der Mann hat, wie sich in dem Prozeß herausgestellt hat, in kurzer Zeit 800 Kinder ermordet. Jetzt werden einige von Ihnen begreifen, die den Roman von Mabel Collins «Flita. Wahre Geschichte einer schwarzen Magierin» gelesen haben, warum da am Anfang ein Mord steht. Der gehört dazu. Der Roman «Flita» ist schon von jemand geschrieben, der das weiß. Was die schwarze Magierin wollte, das konnte nur entwickelt werden unter dem Einflusse dieses Mordes, der am Ausgangspunkt der Erzählung steht.
Cite:
GA 101/1907-10-21_02/p019 · edition original