Bildhafte Vorstellungen als notwendiges Erziehungsmittel zur Geistesschulung

GA 101/1907-12-29/p006 ·1907-12-29 · original (original)
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Sinnlichkeitserfülltes Denken und Vorstellen ist ein jegliches, das ausgeht von dem sinnlichen Wahrnehmen der uns umgebenden Gegenstände. Wenn Sie Ihre Vorstellungen so bilden, daß Sie zunächst einen Gegenstand ansehen, wahrnehmen, und ihn dann im Gedächtnis behalten, und Ihr Gedankenleben verläuft so, daß Sie angeregt sind durch solche Vorstellungen, dann haben Sie ein sinnlichkeitserfülltes Denken. Dies füllt den weitaus größten Teil der seelischen Erlebnisse des gegenwärtigen Menschen aus. Und wenn der Mensch einmal mit sich zu Rate geht, wieviel ihm bleibt, wenn er alle Vorstellungen aus seiner Seele herauswirft, die durch sinnliche Wahrnehmung veranlaßt sind, dann wird er erst einmal gewahr werden, was da noch an Inhalt in der Seele ist. Wenn die Vorstellungen, die durch Äußeres angeregt wurden, weggebracht sind, dann begreift er, was der griechische Philosoph Plato meinte, als er vor das Tor seiner Schule schrieb, kein mit Geometrie Unbekannter solle eintreten. Das ist so gemeint, daß kein solcher eintreten solle, der sich nicht zu einem sinnlichkeitsfreien Denken erheben konnte. Keine gewöhnliche Geometrie hat er verlangt. Das wird auch heute nicht von denen verlangt, die zu höheren Welten aufsteigen wollen. Es würde auch heute aus inneren sachlichen Gründen nicht notwendig sein. Aber an den geometrischen Vorstellungen kann man sich eine Idee bilden, was sinnlichkeitsfreies Denken ist. Wenn Sie hier drei Bohnen hinlegen, noch drei Bohnen dazulegen, und noch einmal drei Bohnen, dann können Sie an diesem sinnlichen Eindruck lernen, daß 3 mal 3 = 9 ist. Das Kind oder der primitive Mensch lernt es an den Fingern. Das ist sinnlichkeitserfülltes Denken. Wenn Sie nicht mehr die Finger brauchen oder die Bohnen, sondern wenn Sie dasselbe lernen durch rein geistige Anschauung, dann ist das sinnlichkeitsfreies Denken. Das Kind geht beim Lernen von einer Brücke aus [Bohnen oder Finger], und erhebt sich erst später zu einem sinnlichkeitsfreien Denken. Wenn wir an die Tafel einen Kreis zeichnen, so ergibt dies in Wirklichkeit keinen Kreis; was wir da hinzeichnen, ist eine Anhäufung von kleinen Kreidebergen. Sie werden mit der sinnlichen Wahrnehmung allein nicht erfassen können, was ein wirklicher Kreis ist. Nur der geistig angeschaute, innerlich konstruierte Kreis ist sinnlichkeitsfrei.

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