Erster Vortrag
Immer ist es die Mythe, die Sage, die tiefer, weisheitsvoller ist als unsere scheinbar so fortgeschrittene Wissenschaft. Der Zug aus dem menschlichen Leben, der jetzt eben erwähnt worden ist, drückt sich in großartiger Weise aus im Prometheus-Mythos. Indem gesagt wird, daß Prometheus den Menschen das Feuer vom Himmel gebracht hat, wird damit ausgedrückt, daß Prometheus an jenem Prozeß beteiligt ist, der in der Atmung sich ausdrückt und der den Menschen immer höher führt. Aber zu gleicher Zeit wird in wunderbarer Weise ausgeführt: Weil Prometheus sich erhebt über die Kräfte, welche die Menschen an das Irdische fesseln, und sich dadurch in einen Gegensatz setzt zu der irdischen Kraft, und weil er derjenige ist, der den Menschen zuerst die Möglichkeit gegeben hat, diese Kraft des Feuers zu haben, darum muß er dafür leiden. Das Leiden wird wunderbar dargestellt als die Tatsache, die dieser Mythe zugrunde liegt: ein Geier frißt dem gefesselten Prometheus an der Leber! Wie könnte man schöner und weisheitsvoller darstellen, daß die Kräfte, die mit dem Atmungsprozeß in uns einströmen, an der Leber nagen, und daß derjenige, der das vorausleistet, was von der Menschheit in einer fernen Zukunft geleistet wird, wie ein Gekreuzigter dasteht, wie das, was sich herniedersenkt, was aus der Luft kommt, an der Leber frißt!
Cite:
GA 102/1908-01-06/p032 · edition original