Sechster Vortrag

GA 102/1908-03-24/p020 ·1908-03-24 · original (original)
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Sehen Sie, wie in der ersten Epoche der nachatlantischen Zeit eine Kultur, die brahmanische Kultur, aufgeht, ihren Höhepunkt erreicht und wieder in Dekadenz kommt, wie sie ihren Höhepunkt erlangt auf dem Gebiete der Flucht aus der Materialität, in der sie ihre Erlösung sucht, wie sie aber wieder zurückgehen muß, weil sie ihre Kultur gesucht hat auf dem Gebiete der Nichtanerkennung der Materie. Sie sehen dann, wie ein neuer Zyklus eintritt in der altpersischen Kultur, wie die altpersische Kultur den Erdball erobert dadurch, daß sie die Materie anerkennt, allerdings als eine dem Menschen widerstrebende Macht, die der Mensch durch seine Arbeit bezwingt; und wiederum erreicht diese Kultur ihren Höhepunkt, und versinkt in Dekadenz. Aber eine neue Kultur steigt herauf, die ägyptisch-chaldäisch-assyrisch-babylonische, die nicht mehr bloß die Materie anerkennt, sondern die die Materie durchdringt mit menschlicher Intelligenz, wo die Bahnen der Sterne erforscht werden, wo Bauten aufgeführt werden gemäß dem, was man aus der Sternenweisheit gewonnen hatte, indem menschliche Bebauungen der Erde nach Gesetzen der Geometrie angelegt werden. Die Materie ist jetzt nicht mehr bloß eine widerstrebende Macht, sondern sie wird umgegossen und umgeformt zu dem Geistigen. Die Pyramiden sind ein Abbild von dem, was der Mensch aus den Sternen er sah. Und wir gehen weiter hinüber, nachdem die ägyptischchaldäisch-assyrisch-babylonische Kultur in Dekadenz geraten ist, zu der griechisch-lateinischen Kultur, wo der Mensch in der griechischen Kunst die Materie so umgestaltet hat, daß er sein eigenes Abbild in sie hineingeformt hat, wo der Mensch zur Überwindung der Materie durch die Schönheit gelangt. Das war früher nicht der Fall, daß, wie in der griechischen Plastik, griechischen Baukunst und Dramatik, der Mensch sein eigenes Abbild in die Materie hineinprägt. Die menschliche Persönlichkeit wird als der höchste Ausdruck der Schönheit in der griechischen Kunst verherrlicht. Und mit der römischen Kultur sehen wir hinzukommen den Rechtsbegriff der Persönlichkeit. Es ist auch nur wieder eine ganz verkehrte Gelehrsamkeit - ein einziger Blick eines verständigen Menschen kann das erkennen -, die da sagt, daß es früher auch schon den Rechtsbegriff gegeben hätte. Das Gesetzbuch des Hammurabi ist etwas ganz anderes, als das, was in Rom geschaffen worden ist als Jurisprudenz. Das ist ein eigentlich römisches Produkt, denn die Jurisprudenz tauchte da auf, wo die einzelne Persönlichkeit sich auch im Recht ihr Abbild schafft; da ist der Mensch ganz auf die eigene Persönlichkeit gestellt. Man studiere und vergleiche das Testament im römischen Recht mit dem, was im Gesetzbuch des Hammurabi zu finden ist, wo die Persönlichkeit des Menschen ganz in eine Theokratie hineingestellt war. Der «römische Bürger» ist ein neues Element in dem Entwickelungszyklus der Menschheit. Noch tiefer herab in die Materie muß der Mensch in der fünften, in der germanischen Kultur; die Überwindung der Naturkräfte, die Triumphe der Technik, sie sind die Folge davon. Doch sind wir über den tiefsten Punkt dieser Entwickelung etwas hinweg. Und ein neuer Zyklus ist derjenige, der dann da sein wird, wenn die Menschen das, was sich heute als Theosophie zeigt, ganz ergriffen haben werden. Wir sehen, wie jeder Zyklus in der Kultur seinen Gipfel erreicht und wieder heruntersinkt, und wie jeder neue Zyklus die Aufgabe hat, die Kultur weiterzubringen... [Lücke im Text.]

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