{"corpus":"steiner","locus":"GA 102/1908-05-13/p010","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Es ist ja vielleicht nur noch einmal in der Entwickelung der Menschheit geschehen, daß architektonische Gedanken geschaffen wurden: das ist der Gedanke der gotischen Architektur. Und wenn wir den gotischen Gedanken in Gegensatz bringen zu dem griechischen architektonischen Gedanken, so müssen wir sagen: In der Gotik haben wir es eigentlich gar nicht mehr mit einer reinen Architektur zu tun, sondern mit einer in den Formen nur andeutungsweise vorhandenen Ausprägung des in das Gefühl hineindrängenden mystischen Elementes. Die Gotik ist nicht die restlose Ausprägung dieses Gedankens. Der griechische Tempel dagegen ist das Wohnhaus des Gottes und ganz als solches zu verstehen. Denn man denke sich den Gott schöpferisch im Raume, seine Kräfte den Raum durchflutend, wie er sich gleichsam selbst einen Körper bildet, wie er sich ein Kleid webt, so haben wir den griechischen Tempel. Und wir wissen, wenn wir ihn vor uns stehen haben: das ist das Wohnhaus des Gottes. Der gotische Dom ist das nicht; er ist ein Bethaus. Er kann nicht gedacht werden ohne den Besucher, der darin ist, für den er stimmungsvoll erbaut ist. Denken Sie sich den griechischen Tempel ganz für sich hingestellt, nur belebt vom Gott, so haben wir ihn ganz. Das ist nicht symbolisch aufzufassen oder auszudeuten. Zum gotischen Tempel gehört der andächtige Gläubige. Und wer den Raum nicht als Leere versteht, sondern durchzogen von Kräften, wer da weiß, daß sich im Raume Kräfte kristallisieren und wer diese Kräfte spürt, der fühlt, daß sich im griechischen Tempel etwas herauskristallisiert hat aus den dynamischen Kräften der Welt. Wer ein Gefühl dafür hat, so stark, daß er diese Wesenheiten wahrnehmen kann, der weiß, daß durch den Raum Kräfte schießen. Von der Belebtheit des Raumes wußten die Griechen. Man kann am besten sich davon überzeugen, wie das Denken, das Fühlen, das Wollen konkret geworden ist, wenn man mit der griechischen die romanische Baukunst vergleicht, bei der wir vielfach sehen, wie die Säule zum Beispiel herausgehoben ist aus ihrer Raumesaufgabe als Träger. Die romanische Baukunst ist auch groß, hat aber viel Dekoratives, unter anderem eben diese Säulen, für die keine tiefere Motivierung da ist. Es fehlt aber der Sinn dafür, es fehlt der Raumessinn. Die Säule ist da, doch erfüllt sie ihren Zweck nicht. Das alles hängt zusammen mit den Entwickelungsstufen des menschlichen Geistes. Nur durch diesen Anthropomorphismus konnte die Menschheit vorbereitet werden zur Auffassung des Gottmenschen, zur Auffassung des in dem Menschen selbst wohnenden Gottes. Das aber ist das Christentum, das vom Okkultismus auch Theomorphismus genannt wird.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"An Outline of Religious Ideas in post-Atlantean Times","site_heading":null,"date":"1908-05-13","location":null,"word_count":410,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/102/1908-05-13/p010","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/102/1908-05-13/p010"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/102/1908-05-13/p010","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}