Dreizehnter Vortrag

GA 102/1908-06-11/p013 ·1908-06-11 · original (original)
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Alle diese im Raum hin- und hergehenden Kräfte, die ein Mensch so recht im Raume fühlt, sind Realitäten, Wirklichkeiten, und aus diesern Raumgefühl geht hervor alle Baukunst. Echte, wahre Baukunst entspringt aus nichts anderem, als daß man in die Linien, die schon im Raume da sein müssen, die Steine oder Ziegel hineinlegt, wobei man gar nichts tut, als nur dasjenige sichtbar zu machen, was im Raume ideell, geistig verteilt schon vorhanden ist, indem man da die Materie hineinstopft. Am reinsten hat dieses Raumgefühl der griechische Baukünstler gehabt, der in seinem Tempel in allen seinen Formen zur Darstellung brachte, was im Raume lebt, was man im Raume fühlen kann. Das einfache Verhältnis: daß die Säule trägt - und sie trägt entweder die horizontalen oder die schräggestellten Linienkörper -, ist eine Wiedergabe innerhalb des Raums befindlicher geistiger Kräfte. Und der ganze griechische 'Tempel ist nichts anderes als eine Ausfüllung dessen, was innerhalb des Raumes lebt, mit Materie. Daher ist der griechische ’Tempel der reinste architektonische Gedanke, kristallisierter Raum. Und so sonderbar das dem modernen Menschen erscheinen mag: der griechische Tempel ist, weil er eine aus Gedanken zusammengefügte physische Leiblichkeit ist, die Gelegenheit, daß diejenigen Gestalten, welche die Griechen als ihre Göttergestalten gekannt haben, mit ihren Ätherleibern die ihnen vertrauten Raumlinien wahrhaftigberühren und darin wohnen konnten. Es ist mehr als eine bloße Phrase, wenn gesagt wird, daß der griechische Tempel ein Wohnhaus des Gottes ist. Der griechische Tempel hat ein Eigentümliches für den, der ein wirkliches Gefühl für solche Sachen hat, er hat das Eigentümliche, daß man sich vorstellen kann: Weit und breit wäre kein Mensch, der ihn besähe, und darinnen wäre auch niemand. Der griechische Tempel braucht keinen Menschen, der ihn anschaut, niemanden, der hineingeht. Denken Sie sich den griechischen Tempel, der allein dasteht, und weit und breit ist kein Mensch. Dann ist er, was er am intensivsten sein soll. Dann ist er die Herberge des Gottes, der darin wohnen soll, weil in den Formen der Gott wohnen kann. Nur so versteht man wirklich die griechische Baukunst, die reinste Baukunst der Welt.

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Cite: GA 102/1908-06-11/p013 · edition original