Dreizehnter Vortrag
Alles, was uns außen entgegentritt, kann ein Spiegelbild der Seele werden. Nehmen Sie das nicht als etwas Außerliches, sondern als etwas, was man aus der Geisteswissenschaft heraus gewinnen kann. Es wird werden, wie es vor Jahrhunderten war, wo in jedem Türschloß, in jedem Schlüssel uns etwas entgegentrat, was Abbild dessen war, was der Mensch gefühlt und empfunden hatte. Ebenso wird, wenn wahres geistiges Leben wieder in der Menschheit sein wird, das ganze Leben, alles, was uns äußerlich entgegentritt, uns wieder als ein Abbild der Seele erscheinen. Profanbauten sind nur so lange Profanbauten, solange der Mensch nicht die Fähigkeit hat, in sie den Geist hineinzuprägen. Überall kann der Geist hineingeprägt werden. Das Bild des Bahnhofes kann vor uns aufleuchten, das wieder künstlerisch gedacht ist. Heute haben wir es nicht. Aber wenn man wieder fühlen wird, was Formen sein sollen, dann wird man fühlen, daß man die Lokomotive architektonisch gestalten kann, und daß der Bahnhof etwas sein könnte, was sich zur Lokomotive so verhält, wie die äußere Umhüllung zu dem, was die Lokomotive in ihren architektonischen Formen ausdrückt. Dann erst werden sie sich so verhalten wie zwei Dinge, die zusammengehören, wenn sie architektonisch gedacht sind. Dann ist es aber auch nicht gleichgültig, wie wir links oder rechts bei den Formen annehmen.
Cite:
GA 102/1908-06-11/p029 · edition original