Dreizehnter Vortrag
Wenn der Mensch lernen wird, wie sich im Außeren das Innere ausdrückt, dann wird es wiederum eine Kultur geben. Wahrhaftig, es hat Zeiten gegeben, wo es keine romanische Baukunst noch gab, keine Gotik noch gab, als diejenigen, welche eine neue, aufgehende Kultur in ihrer Seele getragen haben, unten in den Katakomben der alten Römerstadt zusammenkamen. Aber was da in ihnen gelebt hat, was nur in spärlichen Formen hineingegraben werden konnte in die alten Erdhöhlen, was Sie an den Särgen der Toten finden, das dämmerte da auf, und das ist das, was uns dann erscheint in dem romanischen Bogen, in der romanischen Säule, in der Apsis. Hinausgetragen worden ist der Gedanke in die Welt. Hätten die ersten Christen nicht den Gedanken in der Seele getragen, er würde uns nicht in dem entgegentreten, was Weltkultur geworden ist. Der Theosoph fühlt sich nur dann als 'Theosoph, wenn er sich bewußt ist, daß er in seiner Seele eine zukünftige Kultur trägt. Mögen ihm dann die anderen sagen: Was hast du denn schon geleistet? - Dann sagt er sich: Ja, was haben denn die Katakombenchristen geleistet, und was ist daraus geworden!
Cite:
GA 102/1908-06-11/p030 · edition original