Erster Vortrag
Man könnte nämlich glauben, wenn der Vertreter der Geisteswissenschaft über das Johannes-Evangelium spricht, er wolle das in dem Sinne tun, wie es sonst auch vielfach geschieht: einfach eine solche Urkunde zugrunde legen, um aus ihr diejenigen Wahrheiten, um die es sich handelt, zu schöpfen, und diese Wahrheiten auf die Autorität der religiösen Urkunden hin vorbringen. Das kann aber nimmermehr die Aufgabe geisteswissenschaftlicher Weltenbetrachtung sein. Sie muß eine völlig andere sein. Wenn die Geisteswissenschaft ihre wirkliche Aufgabe gegenüber dem modernen Menschengeist erfüllen will, dann muß sie zeigen, daß der Mensch, wenn er nur seine inneren Kräfte und Fähigkeiten gebrauchen lernt, die Kräfte und Fähigkeiten des geistigen Wahrnehmens, daß er dann, wenn er sie anwendet, eindringen kann in die Geheimnisse des Daseins, in das, was in den geistigen Welten hinter der Sinnenwelt verborgen ist. Daß der. Mensch durch den Gebrauch der inneren Fähigkeiten zu den Geheimnissen des Daseins vordringen kann, daß er zu den schöpferischen Kräften und Wesenheiten des Universums durch seine eigene Erkenntnis gelangen kann, das muß der modernen Menschheit immer mehr zum Bewußtsein kommen.
Cite:
GA 103/1908-05-18/p004 · edition original