Erster Vortrag
Wenn sich solchen Urkunden, welche über geistige Dinge handeln, Leute nähern, welche sehr gut der Sprache nach alles verstehen, was in solchen Urkunden liegt, wie zum Beispiel im Johannes-Evangelium, also bloße Philologen — und selbst die theologischen Forscher einer gewissen Art sind heute eigentlich nur Philologen in bezug auf den Inhalt solcher Bücher -, wie verhält sich der Vertreter der Geisteswissenschaft zu solchen Forschern? Nehmen wir nochmals den Vergleich mit der Geometrie des Euklid. Wer wird denn der richtigere Ausleger sein? Der gut mit Worten in seiner Art übersetzen kann und gar keine Ahnung hat von den geometrischen Erkenntnissen? Es wird etwas Sonderbares herauskommen, wenn ein solcher sich an die Geometrie des Euklid machen wird, wenn er vorher gar nichts von der Geometrie versteht! Lassen Sie aber den Übersetzer selbst einen unbedeutenden Philologen sein, er wird, wenn er Geometrie versteht, das Buch in der richtigen Weise würdigen können. So verhält sich gegenüber vielen anderen Forschern der Vertreter der Geisteswissenschaft zum Johannes-Evangelium. Vielfach wird es gegenwärtig so erklärt, wie die Philologen die Geometrie des Euklid erklären würden. Geisteswissenschaft aber liefert aus sich die Erkenntnisse der geistigen Welten, die im Johannes-Evangelium aufgezeichnet sind. So ist der Geisteswissenschafter dem Johannes-Evangelium gegenüber in derselben Lage wie der Geometer dem Euklid gegenüber: er bringt schon mit, was er in dem Johannes-Evangelium finden kann.
Cite:
GA 103/1908-05-18/p008 · edition original