Erster Vortrag

GA 103/1908-05-18/p011 ·1908-05-18 · original (original)
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Sie alle wissen, daß in bezug auf das Johannes-Evangelium merkwürdige Anschauungen und Gesinnungen Platz gegriffen haben. In alten Zeiten wurde es verehrt als eine der tiefsten und bedeutungsvollsten Urkunden, welche der Mensch hatte über das Wesen und den Sinn des Wirkens des Christus Jesus auf Erden; und in den älteren Zeiten des Christentums wäre es wohl niemandem eingefallen, dieses Johannes-Evangelium nicht als ein wichtiges geschichtliches Denkmal für die Ereignisse in Palästina aufzufassen. In neueren Zeiten ist es anders geworden, und gerade die, welche glauben, am festesten zu stehen auf dem Boden geschichtlicher Forschung, haben am meisten den Grund unterwühlt, auf dem eine solche Anschauung über das Johannes-Evangelium stand. Seit einer Zeit, die ja schon nach Jahrhunderten zählt, hat man angefangen, aufmerksam zu werden auf die Widersprüche, die sich in den Evangelien finden. Da hat sich besonders unter den Theologen nach mancherlei Schwankungen das folgende herausgestellt. Man hat gesagt: Es kommen viele Widersprüche in den Evangelien vor, und man könne sich keinen klaren Begriff machen, wie es kommt, daß von vier Seiten in den vier Evangelien die Ereignisse in Palästina in verschiedener Weise erzählt werden. Man sagte: Wenn wir die Darstellungen nehmen, die nach Matthäus, nach Markus, nach Lukas, nach Johannes gegeben werden, so haben wir so viele verschiedene Angaben über dieses und jenes, daß man unmöglich glauben kann, daß sie alle mit den historischen Tatsachen übereinstimmen. Das wurde nach und nach die Gesinnung derjenigen, die diese Dinge erforschen wollten.

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