Erster Vortrag
Nun hat sich in neuerer Zeit die Anschauung gebildet, daß man in bezug auf die drei ersten Evangelien einen gewissen Einklang über die Darstellung der palästinensischen Ereignisse sich bilden könne, daß das Johannes-Evangelium aber in einer weitgehenden Art abweiche von dem, was die drei ersten Evangelien erzählen, und daß deshalb in bezug auf die historischen "Tatsachen mehr den drei ersten Evangelien geglaubt werden müsse und das Johannes-Evangelium weniger geschichtliche Glaubwürdigkeit habe. So ist man allmählich dazu gekommen, zu sagen: Dieses Johannes-Evangelium ist überhaupt nicht in derselben Absicht entstanden wie die drei ersten. Diese Evangelien wollten nur erzählen, was sich zugetragen hat; der Verfasser des Johannes-Evangeliums aber habe diese Absicht gar nicht gehabt, sondern eine ganz andere. Und man hat aus verschiedenen Gründen der Annahme sich hingegeben, daß das Johannes-Evangelium überhaupt verhältnismäßig spät niedergeschrieben worden sei. Wir werden auf diese Dinge noch zu sprechen kommen. Ein großer Teil der Forscher glaubt, daß das Johannes-Evangelium erst im dritten oder vierten Jahrzehnt des zweiten christlichen Jahrhunderts niedergeschrieben worden sei, vielleicht auch schon im zweiten Jahrzehnt des zweiten Jahrhunderts; und daher sagten sie sich: Also ist das Johannes-Evangelium niedergeschrieben in einer Zeit, wo das Christentum in einer bestimmten Form sich schon ausgebreitet hatte, wo es vielleicht auch schon Gegner hatte. Diese oder jene Gegner waren aufgetreten gegen das Christentum, und diejenigen, die diese Meinung annehmen, sagten sich: In dem Schreiber des Johannes-Evangeliums haben wir einen Menschen vor uns, der insbesondere bestrebt war, eine Lehrschrift zu geben, eine Art Apologie, etwas wie eine Verteidigung des Christentums gegenüber den Strömungen, die sich dagegen erhoben hatten. Nicht aber hätte der Schreiber des Johannes-Evangeliums die Absicht gehabt, die historischen Tatsachen treu zu schildern, sondern zu sagen, wie er sich zu seinem Christus stelle. — So sehen viele nichts anderes in dem Johannes-Evangelium als eine Art religiös durchströmten Gedichtes, das der Schreiber aus einer religiös-lyrischen Stimmung heraus in bezug auf seinen Christus niedergeschrieben habe, um auch andere zu begeistern und in dieselbe Stimmung zu bringen. Vielleicht wird man nicht überall mit so extremen Worten diese Meinung eingestehen. Wenn Sie aber die Literatur studieren, werden Sie finden, daß dies eine weitverbreitete Meinung ist, die vielen unserer Zeitgenossen sehr zur Seele spricht, ja, es kommt eine solche Meinung der Gesinnung unserer Zeitgenossen geradezu entgegen.
Cite:
GA 103/1908-05-18/p012 · edition original