Erster Vortrag

GA 103/1908-05-18/p018 ·1908-05-18 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Das ist in gewisser Art ein Ideal geworden für viele Theologen. Die Menschen haben das Bestreben, alles, was geschichtlich geworden ist, möglichst auf gleiche Stufe zu stellen mit allgemein menschlichen Ereignissen. Es stört die Menschen, daß ein so Hoher herausragen soll, wie es der Christus des Johannes-Evangeliums ist. Daher sprechen sie von diesem als von der Apotheose Jesu, des «schlichten Mannes von Nazareth», der ihnen deshalb so gefällt, weil sie sagen können: Wir haben ja auch einen Sokrates und andere große Männer. — Er unterscheidet sich ja von diesen anderen, aber sie haben doch einen gewissen Maßstab an einer gewöhnlichen banalen Menschlichkeit, wenn sie sprechen können vom «schlichten Manne aus Nazareth». Dies Sprechen vom «schlichten Manne aus Nazareth», das Sie heute schon in zahlreichen theologischen Werken, auch in theologisch-akademischen Schriften vorfinden, in dem, was man die «aufgeklärte Theologie» nennt, das hängt zusammen mit dem seit Jahrhunderten herangebildeten materialistischen Sinne der Menschheit; denn diese glaubt, daß es nur Physisch-Sinnliches geben könne oder daß nur dieses eine Bedeutung habe. In denjenigen Zeiten der Menschheitsentwickelung, in welchen der Blick der Menschheit noch hinaufgegangen ist zu dem Übersinnlichen, konnte der Mensch sagen: Außen, in der äußeren Erscheinung mag diese oder jene historische Persönlichkeit sich gewiß vergleichen lassen mit dem schlichten Manne aus Nazareth, aber in dem, was als Geistiges und Unsichtbares in dieser Persönlichkeit war, da ist dieser Jesus von Nazareth ein Einziger! Als man aber den Hinblick und den Einblick in das Übersinnliche und Unsichtbare verloren hatte, verlor man auch den Maßstab für alles, was über den Durchschnitt der Menschheit hinausragte, und das zeigte sich ganz besonders in der religiösen Auffassung des Lebens. Darüber geben Sie sich nur gar keiner Täuschung hin! Der Materialismus ist zuerst eingedrungen in das religiöse Leben. Viel, viel weniger gefährlich für die geistige Entwickelung der Menschheit ist der Materialismus in bezug auf die äußeren naturwissenschaftlichen Tatsachen als in bezug auf die Auffassung der religiösen Geheimnisse.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/103/1908-05-18/p018.json
Cite: GA 103/1908-05-18/p018 · edition original