Erster Vortrag
Wir werden zu sprechen haben - als ein Beispiel — über die wahre spirituelle Auffassung des Abendmahls, die Verwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut, und wir werden im Laufe dieser Vorträge hören, daß durch diese spirituelle Auffassung das Abendmahl wahrhaftig nicht an Wert und Bedeutung verliert. Aber es wird eben eine spirituelle Auffassung sein, die wir kennenlernen werden. Und die war auch die alte christliche Auffassung, als noch mehr spiritueller Sinn war unter der Menschheit; sie galt noch in der ersten Hälfte des Mittelalters. Da wußten viele die Worte: «Dies ist mein Leib...; dies ist mein Blut!» (Markus 14, 22 und 24), so aufzufassen, wie wir das kennenlernen werden. Aber diese geistige Auffassung ging im Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise verloren. Wir werden die Gründe dafür kennenlernen. Da gab es im Mittelalter eine sehr merkwürdige Strömung, die tiefer, als Sie es glauben mögen, eingedrungen ist in die Gemüter der Menschheit, denn wie die Seelen sich nach und nach entwickelt und was sie erlebt haben, können Sie von der heutigen Geschichte sehr wenig erfahren. Um die Mitte des Mittelalters ist eine tiefgehende Strömung vorhanden in den christlichen Gemütern Europas; denn es war von autoritativer Seite aus der ehemalige spirituelle Sinn der Abendmahlsichre ins Materialistische umgedeutet. Die Menschen konnten sich bei den Worten: «Dies ist mein Leib...; dies ist mein Blut», nur vorstellen, daß ein materieller Vorgang, eine materielle Umwandlung von Brot und Wein in Fleisch und Blut geschehe. Was früher geistig vorgestellt wurde, fing man an, im grob materiellen Sinne sich vorzustellen. Hier schleicht sich der Materialismus, lange bevor er die Naturwissenschaft ergreift, ein in das religiöse Leben.
Cite:
GA 103/1908-05-18/p019 · edition original