Erster Vortrag

GA 103/1908-05-18/p020 ·1908-05-18 · original (original)
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Und ein anderes Beispiel ist nicht minder bedeutsam. Glauben Sie nicht, daß in irgendeiner der maßgebenden Erklärungen der «Schöpfungsgeschichte» im Mittelalter die sechs Schöpfungstage so genommen worden sind als Tage, wie sie heute sind, als Tage von vierundzwanzig Stunden. Keinem der maßgebenden theologischen Lehrer wäre das auch nur eingefallen; denn sie haben verstanden, was in den Urkunden steht. Sie haben noch gewußt, einen Sinn zu verbinden mit den Worten der Bibel. Hat es denn einen Sinn überhaupt gegenüber der Schöpfungsurkunde, von vierundzwanzigstündigen Schöpfungstagen zu sprechen in unserer heutigen Art? Was heißt denn ein Tag? Ein Tag heißt das, was durch das Umdrehungsverhältnis der Erde gegenüber der Sonne bewirkt wird. Von Tagen im heutigen Sinne können Sie nur reden, wenn die Verhältnisse zwischen Sonne und Erde und ihre Bewegung so vorgestellt werden, wie sie heute sind. Daß aber Sonne und Erde in solchen Verhältnissen zueinander gestanden haben, wird in der Genesis erst vom vierten Zeitraum, vom vierten «Tage» der Schöpfung erzählt. «Tage » können daher überhaupt erst am vierten Tage der Schöpfungsgeschichte anfangen. Vorher wäre es sinnlos, sich Tage vorzustellen, wie sie heute sind. Da erst überhaupt am vierten «Tag» die Einrichtung kommt, wodurch Tag und Nacht möglich werden, konnte vorher nicht von Tagen im heutigen Sinne die Rede sein! Wieder kam die Zeit herauf, wo die Menschen nicht mehr wußten, daß damit die geistige Bedeutung von Tag und Nacht gemeint sei, wo man sich nur denken konnte, daß solche Zeit, die man sich in physischen Tagen vorzustellen hat, möglich ist. So wurde für einen materialistisch denkenden Menschen, selbst für einen Theologen, ein Tag, wie er heute ist, auch der Schöpfungs-«Tag», weil er nur jenen kennt.

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Cite: GA 103/1908-05-18/p020 · edition original