Erster Vortrag
Diejenigen, die im Sinne des Johannes-Evangeliums sprachen, empfanden vor allem eines als etwas ganz Bedeutsames: Man sah herunter auf das niedere Tierreich und ließ den Blick schweifen hinauf bis zu dem Menschen - und verfolgte etwas ganz Bestimmtes in dieser Entwickelungsrichtung. Da sagte ein solcher Bekenner der Logoslehre: Eines ist es, was uns am tiefsten den Vorzug der höheren Wesen vor den niederen darstellt: die Fähigkeit, das, was im Innern lebt, nach außen durch das Wort tönen zu lassen, den Gedanken der Umwelt im Wort mitzuteilen. Es würde ein solcher Bekenner der Logoslehre gesagt haben: Sieh dir an das niedere Tier! Es ist stumm, es drückt nicht aus seinen Schmerz oder seine Lust. - Nehmen Sie die niederen Tiere: sie zirpen oder geben andere Töne von sich usw.; aber es ist das das äußere Schaben und Reiben der physischen Organe, die da tönen, wie ein Hummer es auch kann. Je höher wir. hinaufkommen, desto mehr entwickelt sich die Fähigkeit, daß sich das Innere im Ton manifestiert und das, was die Seele erlebt, im Ton mitteilt. Und deshalb, sagte man, steht der Mensch über den anderen Wesen so hoch, weil er nicht nur imstande ist, mit Worten zu bezeichnen, was seine Lust oder sein Schmerz ist, sondern weil er das, was über das Persönliche hinausgeht, was geistig, unpersönlich ist, in Worte zu fassen, in Gedanken auszudrücken vermag.
Cite:
GA 103/1908-05-18/p035 · edition original