Fünfter Vortrag

GA 103/1908-05-23/p003 ·1908-05-23 · original (original)
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Bei den Betrachtungen über das Johannes-Evangelium dürfen wir nirgends die ganz prinzipielle Auseinandersetzung außer acht lassen, die wir gestern gepflogen haben, nämlich, daß wir es in dem ursprünglichen Verfasser des Johannes-Evangeliums zu tun haben mit dem von dem Christus Jesus selbst eingeweihten Lieblingsschüler. Es könnte jemand nun natürlich fragen: Ja, ist denn, ganz abgesehen von dem okkulten Wissen, auch vielleicht ein äußeres Zeugnis dafür vorhanden, durch welches der Verfasser des Johannes-Evangeliums erraten läßt, daß er zu der höheren Art des Wissens über den Christus durch die Auferweckung, durch die Einweihung, die im sogenannten Lazaruswunder dargestellt ist, gekommen sei? — Wenn Sie das Johannes-Evangelium sorgfältig lesen, werden Sie eines bemerken. Sie werden bemerken, daß nirgends im Johannes-Evangelium, aber auch gar nirgends vor jenem Kapitel, das die Auferweckung des Lazarus behandelt, von dem Jünger, «den der Herr lieb hatte» (13, 23), die Rede ist; das heißt, der eigentliche Verfasser des Johannes-Evangeliums will sagen: Dasjenige, was vorher ist, das stammt noch nicht aus dem Wissen, das mir durch die Einweihung geworden ist, da müßt ihr noch zunächst von mir absehen. Nachher erwähnt er erst den Jünger, «den der Herr lieb hatte». Dadurch also zerfällt das Johannes-Evangelium in zwei wichtige Teile: in einen ersten Teil, wo der Jünger, den der Herr lieb hatte, noch nicht erwähnt wird, weil er noch nicht eingeweiht war; und erst nach der Auferweckung des Lazarus, da wird dieser Jünger erwähnt. Nirgends in der Urkunde selbst werden Sie einen Widerspruch finden mit dem, was in den letzten Vorträgen angeführt worden ist. Natürlich liest ein das Evangelium nur äußerlich betrachtender Mensch leicht darüber hinweg, beachtet es nicht; und man muß heute, wo alles popularisiert wird, wo allerlei Weisheit zu den Menschen dringt, das eigentümliche Schauspiel erleben, daß wirklich oft recht Zweifelhaftes unter dieser Weisheit ist.

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