Fünfter Vortrag
Wer würde es nicht als einen Segen betrachten, daß durch solche billige Literatur, wie es die «Reclamsche Universal-Bibliothek» ist, allerlei Wissen unter das Volk getragen wird. Nun ist unter den letzten Heften auch eines erschienen über «Die Entstehung der Bibel». Der Verfasser nennt sich auf dem Titel einen Doktor der Theologie, er ist also Theologe. Er meint, daß auf den Verfasser des Johannes-Evangeliums eigentlich durch alle Kapitel des Johannes-Evangeliums hindurch, von dem 35.Vers an im ersten Kapitel auf den Johannes hingewiesen würde. Als mir dieses Büchlein zur Hand kam, traute ich wirklich meinen Augen nicht und sagte mir: Da muß doch eigentlich etwas ganz Sonderbares vorliegen, was gegen alle bisherigen okkulten Ansichten - daß der Lieblingsschüler nicht vor der Auferweckung des Lazarus erwähnt werde - verstößt. Aber ein Theologe sollte es doch wissen! Nun, um nicht gar zu schnell abzuurteilen, nehmen Sie das Johannes-Evangelium in die Hand und sehen Sie, was da steht: «Des andern Tages stund abermal Johannes und zween seiner Jünger» (1, 35). Johannes wird erwähnt, der Täufer, und von zweien seiner Jünger wird gesprochen. Das Günstigste, das für diesen Theologen angenommen werden kann, ist, daß sein Bewußtsein erfüllt ist von einer alten exoterischen Tradition, die da besagt: unter den zweien Jüngern sei der eine der Johannes. Diese Tradition stützt sich auf Matthäus 4, 21. Aber man darf das Johannes-Evangelium nicht durch die anderen Evangelien erklären. Ein Theologe hat es also zustande gebracht, ein direkt schädliches Buch hineinzubringen in die populäre Literatur; und wenn man weiß, wie das weiter frißt, was gerade auf diese Weise durch eine solche billige Literatur unter das Volk kommt, dann kann man den Schaden abmessen, der daraus entspringt. Das sollte nur eine Zwischenbemerkung sein, damit eine gewisse Schutzwand aufgerichtet wird gegen allerlei Einwände, die etwas anführen könnten gegen das, was hier gesagt wird.
Cite:
GA 103/1908-05-23/p004 · edition original