Fünfter Vortrag

GA 103/1908-05-23/p045 ·1908-05-23 · original (original)
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Und jetzt übersetzen wir uns diese Stelle, wie sie wirklich heißt. Wir bekommen die Materialien dazu, wenn wir uns klar sind, wie die Lehren der Alten waren. Die waren in vielen Büchern kunstvoll aufgeschrieben. Wir brauchen uns nur an die Psalmen zu erinnern, wo in schön gefügten Reden im Alten Testamente das Göttliche verkündet worden ist. Da redet man nur von den alten Blutzusammenhängen als dem Zusammenhange mit einem Gotte. Man konnte alles das lernen, aber man lernte durch alles das nie mehr, als daß man mit dieser alten Gottheit zusammenhängt. Wollte man aber den Christus verstehen, so brauchte man all die alten Gesetze, alle die alten Künstlichkeiten nicht. Was der Christus lehrte, konnte man in dem Maße ergreifen, als man in sich das geistige Ich erfaßte. Dann konnte man zwar noch kein volles Wissen von der Gottheit haben, aber man konnte das verstehen, was man von den Lippen des Christus Jesus hörte. Dann hatte man die Vorbedingung zum Verständnis. Man brauchte dann alle Psalmen nicht, alle kunstvoll gefügten Lehren nicht, sondern man brauchte nur das Einfachste, und das waren lallende Ausdrücke. Man braucht nur zu lallen in seinen Worten, und man wird von dem Gotte zeugen. Das konnte man selbst in den einfachsten lallenden Worten, es brauchten nur einzelne Worte zu sein, die gar kein «Maß» haben. Wer nur lallte, wer fühlte in seinem Ich, daß er von Gott gesandt ist, der konnte das verstehen, was der Christus sprach. Wer nur den irdischen Zusammenhang mit Gott weiß, der redet im Versmaß der Psalmen, aber all sein Metrum führt ihn zu nichts anderem als zu den alten Göttern. Derjenige aber, der sich in den geistigen Welten gegründet fühlt, der ist über alle, und er kann Zeugnis geben von dem, was er gesehen und gehört hat in den geistigen Welten. Aber sein Zeugnis nehmen diejenigen, die nur in der gewohnten Weise ein Zeugnis annehmen, nicht an. Wenn es solche gibt, die es annehmen, dann zeigen sie eben durch ihre Annahme, daß sie als gottgesandt sich fühlen. Sie glauben nicht nur, sie verstehen, was ihnen der andere sagt, und sie besiegeln durch ihr Verstehen selbst ihre Worte. «Wer das Ich fühlt, offenbart selbst im Lallen Gottes Worte.» Das bedeutet es. Denn der Geist, der hier gemeint ist, braucht sich durch kein Metrum, durch kein Silbenmaß auszusprechen; sondern in der einfachsten lallenden Weise kann er sich ausdrücken. Es werden leicht solche Worte als Freibrief genommen für ein Recht auf Unweisheit. Wer aber die Weisheit ablehnt, weil sich nach seiner Meinung die höchsten Geheimnisse in der schlichtesten Form aussprechen lassen müssen, der tut dies - allerdings oft unbewußt nur aus einem gewissen Hang zur seelischen Bequemlichkeit. Wenn gesagt wird: «Gott gibt den Geist nicht nach dem Maß», so ist eben nur gemeint, daß das Maß nicht zum Geist verhilft; wo aber der Geist wirklich ist, da entsteht auch das Maß. Nicht ein jeder, der das Maß hat, hat den Geist; wer aber den Geist hat, kommt gewiß zum Maß. Man darf natürlich gewisse Dinge nicht umkehren: Es ist nicht schon ein Zeichen für das Geisthaben, wenn man #ein Maß hat, obschon auch umgekehrt das Maßhaben nicht ein Zeichen für den Geist ist. Wissenschaft ist sicherlich kein Zeichen für Weisheit, aber Unwissenheit sicherlich auch nicht.

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Cite: GA 103/1908-05-23/p045 · edition original