Siebenter Vortrag
Alles Leben ist eigentlich aus Entgegengesetztem, aus Extremen bestehend. Leben und Tod sind solche Extreme. Für die Empfindung und für die Gesinnung des Okkultisten ergibt sich etwas sehr Eigenartiges, wenn er zum Beispiel nebeneinander sieht einen Leichnam und einen lebendigen Menschen. Wenn man einen lebendigen, wachenden Menschen vor sich hat, da weiß man: da wohnt Seele und Geist darinnen. Aber bei diesem wachenden Menschen sind sie dem Bewußtsein nach sozusagen ausgeschaltet aus der ganzen Verbindung mit der geistigen Welt, sie schauen nicht hinein in die geistige Welt. Haben wir den Leichnam vor uns, dann empfinden wir, daß der Geist und die Seele, die zu diesem Leichnam gehört haben, jetzt auf dem Wege dazu sind, überzugehen in die geistigen Welten, daß ihnen dort aufleuchtet das Bewußtsein, das Licht der geistigen Welt. Und so wird der Leichnam zum Symbolum dessen, was in den geistigen Welten geschieht. Aber auch im Physischen sind die Abbilder dessen, was im Geistigen geschieht, da, nur in einer merkwürdigen Weise. Wenn ein Mensch wieder zur Geburt heruntersteigt, dann muß ihm ein leiblicher Teil auferbaut werden. Da muß sozusagen Materie zusammenschießen, daß ein Leib ihm gebaut werde. Und für einen Hellseher stellt sich dieses Zusammenschießen von Materie so dar, daß in der geistigen Welt gleichsam das dortige Bewußtsein stirbt. Dort stirbt es — hier lebt es auf. Im Zusammenschießen der Materie zu einem physischen Menschenleibe sieht man in einer gewissen Weise ersterben ein geistiges Bewußtsein. Und wahrhaftig, im Verwesen oder Verbrennen des physischen Leibes, wenn sich die Teile auseinanderbewegen, sich auflösen, da zeigt sich zu gleicher Zeit im Geistigen das Entgegengesetzte, da zeigt sich das Entstehen eines geistigen Bewußtseins. Physische Auflösung ist geistige Geburt. Deshalb sind auch alle Zersetzungsprozesse, alle Auflösungsprozesse für den Okkultisten noch etwas ganz anderes. Ein Kirchhof, wo sich physische Leiber auflösen, der ist geistig gesehen — abgesehen von den Menschen, es ist jetzt gemeint, was geistig vorgeht im Kirchhof selber — ein merkwürdiger Prozeß: ein fortwährendes Aufleuchten und Aufglänzen von geistigen Geburten. — Nehmen wir nun einmal an, ein Mensch gäbe sich physisch - niemandem wird das natürlich angeraten, denn die heutigen Körper vertragen das auf keinen Fall -, nehmen wir an, ein Mensch gäbe sich in eine gewisse Schulung, er würde seinen physischen Leib dadurch trainieren, daß er während einer gewissen vorgeschriebenen Zeit Verwesungsluft atmet mit dem Bewußtsein, den geistigen Vorgang in sich aufzunehmen, der eben geschildert worden ist. Wenn er dies tut in der entsprechenden Weise, dann kann er allerdings in nächsten Inkarnationen - es ist nicht in einer Inkarnation zu machen — mit jener Kraft verkörpert werden, die belebende und gesundende Impulse gibt. Totenluft einatmen, das gehört zur Schulung, um seinen Speichel nach und nach zu der Kraft zu bringen, daß er mit der gewöhnlichen Erde zusammen das gibt, was der Christus dem Blinden in die Augen gerieben hat.
Cite:
GA 103/1908-05-26/p029 · edition original