Neunter Vortrag
So war der Mensch immer mehr zur Durchdringung der Materie mit seinem Geiste gekommen. Aber auch später zeigt sich das immer mehr. Die vierte Zeitepoche ist die, wo der Mensch das, was er in seinem Geiste erfaßt, restlos der Materie einverleibt. In der ägyptischen Pyramide sehen Sie noch, wie Geist und Materie miteinander ringen, wie sich das im Geiste Erfaßte noch nicht voll in der Materie ausdrückt. Im griechischen Tempel drückt sich aus der ganze Wendepunkt in der nachatlantischen Zeit. Für den, der etwas davon versteht, gibt es sogar keine bedeutendere, keine vollendetere Architektur als die griechische, die der reinste Ausdruck ist der inneren Raumgesetzlichkeit. Die Säule ist ganz als Träger gedacht, und was auf der Säule liegt, ist ganz und gar so empfunden worden, daß es getragen werden muß und daß es drückt. Der souveräne, emanzipierte Raumgedanke ist hier beim griechischen Tempel bis in die letzten Konsequenzen durchgeführt. Wenige Menschen haben später noch den Raumgedanken so empfunden wie damals. Es hat allerdings noch Menschen gegeben, die den Raumgedanken haben fühlen können, aber sie haben ihn malerisch gefühlt. Prüfen Sie einmal in der Sixtinischen Kapelle den Raum; stellen Sie sich an die Hinterwand, wo das große Bild des Gerichtes ist, und sehen Sie hinauf: Da werden Sie sehen, wie die Hinterwand schief in die Höhe geht. Sie geht deshalb schief in die Höhe, weil der Ausführer den Raumgedanken gefühlt und nicht so abstrakt gedacht hat wie andere Menschen. Deshalb steht diese Wand so wunderbar im Winkel da. Das heißt, nicht mehr griechisch den Raumgedanken empfinden. Es gibt einen Kunstsinn, der die im Raum verborgenen geheimen Maße empfindet. Architektonisch empfinden heißt nicht, für das Auge, sondern etwas anderes empfinden. Leicht glaubt der Mensch heute: rechts sei ebenso wie links, oben ebenso wie unten und vorn so wie hinten. Wenn der Mensch nur einmal folgendes bedenken wollte: Es gibt Bilder, auf denen sieht man drei, vier oder fünf Engel schweben. Diese können so gemalt sein, daß man im Recht ist zu denken, sie müßten jeden Augenblick herunterfallen. Sie können aber auch so gemalt sein von jemandem, der den wirklichen Raumsinn entwickelt hat, daß er nicht die Möglichkeit gibt, dies zu denken; sie können gar nicht herunterfallen, denn sie tragen sich gegenseitig. Dann hat man die dynamischen Verhältnisse des Raumes dabei malerisch vor sich. Der Grieche hatte sie architektonisch vor sich; er empfand die Horizontale nicht bloß als Linie, sondern er empfand sie als Druckkraft, und er empfand die Säule nicht bloß als Stock, sondern empfand sie als Tragkraft. Dieses Mitfühlen mit den Linien des Raumes, das heißt «den lebendigen Geist geometrisierend fühlen ». Das ist, was Plato gemeint hat, als er den ungeheuren Ausdruck gebrauchte: «Gott geometrisiert fortwährend. » — Diese Linien im Raum sind vorhanden, und danach baute der Grieche seinen Tempel.
Cite:
GA 103/1908-05-29/p023 · edition original