Neunter Vortrag

GA 103/1908-05-29/p027 ·1908-05-29 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Deshalb zerfällt für das christliche Bewußtsein das ganze Menschenwerden in eine vorchtistliche und in eine nachchristliche Zeit. Der Gott-Mensch konnte nur in einer bestimmten Zeit von dem Menschen begriffen werden. Und so sehen wir, wie das Johannes-Evangelium anknüpft im vollen Bewußtsein und in der Gesinnung an das, was, wenn ich ein triviales Wort gebrauchen darf, unmittelbar zeitgemäß war, unmittelbar aus dem Zeitbewußtsein heraus stammte. Ganz von selbst machte es sich daher — sozusagen wie etwas innerlich Verwandtes —, daß die Gedankenbilder, dutch die der Schreiber des Johannes-Evangeliums das größte Ereignis der Weltgeschichte zu begreifen versuchte, ihm am besten ausgedrückt erschienen in griechischen Gedankenformen. Und nach und nach wuchs das ganze christliche Empfinden in diese Gedankenformen hinein. Wir werden sehen, wie mit dem Fortschreiten dann so etwas wie die Gotik entstehen mußte, weil das Christentum allerdings dazu berufen war, wiederum über die Materie hinauszuführen. Aber entstehen konnte es nur da, wo man so weit hineingeraten war in die Materie, daß man sie noch nicht überschätzte, noch nicht darin untergesunken war wie in unserem Zeitalter, aber sie doch zu durchgeistigen und zu durchdringen vermochte.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/103/1908-05-29/p027.json
Cite: GA 103/1908-05-29/p027 · edition original