Elfter Vortrag
Mißverstehen Sie das nicht und fassen Sie das nicht so auf, als ob der, der als Eingeweihter imstande ist, außer der physischen Welt auch noch die geistige Welt zu erleben, sich nun alle anderen menschlichen Gefühle und Empfindungen abgewöhnen muß, die hier in der physischen Welt Wert haben, und dafür eintauscht die anderen Gefühle für die höheren Welten. So ist es nicht. Er tauscht nicht das eine für das andere ein, sondern er erwirbt sich eines zum andern hinzu. Wenn der Mensch auf der einen Seite seine Gefühle vergeistigen muß, muß er auf der anderen Seite auch wiederum um so stärker jene Gefühle haben, die zum Arbeiten in der physischen Welt brauchbar machen. In dem Sinne ist es aufzufassen, wenn man für den Eingeweihten das Wort braucht: Er muß in einer gewissen Beziehung ein heimatloser Mensch werden. Nicht, als ob er der Heimat und der Familie im geringsten Grade entfremdet werden müßte, solange er in der physischen Welt lebt, sondern das Wort hat höchstens insofern etwas damit zu tun, als durch Aneignung der entsprechenden Gefühle in der geistigen Welt die Gefühle für die physische Welt eine feinere, schönere Ausbildung erfahren werden. Was ist ein «heimatloser Mensch»? Ohne dies Prädikat kann niemand im wahren Sinne des Wortes die Einweihung erlangen. Ein «heimatloser Mensch» sein heißt: Ein Mensch darf keine Spezialsympathien in der geistigen Welt entwickeln, die ähnlich sind jenen Spezialsympathien, die der Mensch hier in der physischen Welt für einzelne spezielle Gebiete und Zusammenhänge hat. Der einzelne Mensch in der physischen Welt gehört zu diesem oder jenem Volke, zu dieser oder jener Familie, zu dieser oder jener Staatsgemeinschaft; das ist alles recht so. Dies braucht er nicht zu verlieren, hier braucht er das. Wenn er aber diese Gefühle anwenden wollte in der geistigen Welt, würde er eine sehr schlimme Mitgift mitbringen für die geistige Welt. Da heißt es nicht, irgendeine Sympathie für etwas zu entwickeln, sondern alles auf sich objektiv wirken zu lassen, nach dem im Objekte liegenden Wert. Man könnte auch sagen, wenn das allgemein verstanden würde: Ein objektiver Mensch im vollen Sinne des Wortes muß der Eingeweihte werden.
Cite:
GA 103/1908-05-30/p006 · edition original