Elfter Vortrag
Niemand hat ein Recht zu sagen, daß eine Welt nicht wirklich sei; er darf nur sagen: Ich nehme sie nicht wahr. Denn die Welt im wirklichen Sinne sehen heißt: Ich habe Organe, sie wahrzunehmen. Man darf sagen: Ich kenne nur diese oder jene Welt; man darf aber nicht sagen: Ich lasse die Welt, die der andere wahrnimmt, nicht gelten. Denn der, der so spricht, verlangt, daß auch die anderen nichts anderes wahrnehmen dürfen als er; er verlangt autoritativ, daß nur das gilt, was er sieht. Wenn heute jemand auftritt und sagt: Das ist eine anthroposophische 'Träumerei, so etwas, wie es die Anthroposophen behaupten, gibt es nicht, - so beweist er nur, daß er und seinesgleichen solche Welten nicht wahrnehmen. Wir stellen uns auf den Ja-Standpunkt der Dinge. Wer aber nur das gelten läßt, was er wahrnimmt, der verlangt nicht nur, daß wir das zugeben, was er weiß, sondern der will autoritativ entscheiden über das, was er nicht weiß. Es gibt keine schlimmere Intoleranz als die, die heute von der offiziellen Wissenschaft der Geisteswissenschaft entgegengebracht wird, und die wird sich noch zu einer viel schlimmeren entwickeln, als sie jemals vorhanden war. Sie tritt unter den verschiedensten Formen auf. Die Menschen haben gar kein Bewußtsein dafür, daß sie irgend etwas sagen, was sie gar nicht sagen dürften. Bei vielen Versammlungen, die aus recht guten Christen bestehen, kann man es hören: Die Anthroposophen reden von irgendeiner christlichen Geheimlehre, aber das Christentum bedarf keiner Geheimlehre; denn es darf nur das gelten, was auch das einfache, schlichte Gemüt wahrnehmen und verstehen kann! — das heißt natürlich nichts anderes, als was er, der einzelne, der gerade redet, wahrnehmen und verstehen kann. Also er verlangt, daß keiner etwas anderes verstehe und wahrnehme als er. Die Unfehlbarkeit des Papstes wird mit Recht in solchen christlichen Versammlungen nicht zugegeben. Aber die Unfehlbarkeit der eigenen Persönlichkeit wird heute im weitesten Umfange, auch bei Christen, für die eigene Person in Anspruch genommen. Die Anthroposophie wird vom Standpunkte des Papsttums aus bekämpft, wo sich jeder selbst zu einer Art von Päpstlein aufwirft.
Cite:
GA 103/1908-05-30/p014 · edition original