Zehnter Vortrag
Uns beschäftigte das ganze Gesetz der nachatlantischen Entwickelung unserer Menschheit, und wir suchten zu verstehen, warum gerade in einem ganz bestimmten Zeitpunkte dieser nachatlantischen Entwickelung die Stiftung des Christentums stattfinden mußte. Wir haben gestern am Schluß des Vortrages erwähnt, daß das Verständnis wichtiger Fragen des Johannes-Evangeliums und des ganzen Christentums davon abhängt, daß wir gerade dieses Entwickelungsgesetz im esoterisch-christlichen Sinne gut ins Auge fassen. Nur dadurch werden wir ein volles Verständnis gewinnen können für die Bedeutung der Worte «Heiliger Geist», «Vater und Mutter Jesu». Vor allen Dingen erinnern wir uns, daß uns klar geworden ist im Laufe der letzten Vorträge, daß die nachatlantische Menschheit, also diejenige Menschheit, zu der wir im engeren Sinne selbst gehören, die sich entwickelt hat nach der atlantischen Flut, in sieben Uhnterabteilungen zerfällt. Es wird von mir absichtlich der Begriff « Unterrassen» vermieden, weil eigentlich der Begriff «Rasse» sich nicht völlig deckt mit dem, um was es sich dabei handelt. Es handelt sich um Kulturentwickelungsperioden, und das, was wir als Rassengesetz in unserer heutigen Menschheit noch erleben, ist eigentlich ein Nachklang der atlantischen Entwickelung. Diejenige Menschheitsentwikkelung, die der atlantischen Flut vorangegangen ist, also die sich zum großen Teil abgespielt hat auf jenem Kontinente, der da war zwischen dem heutigen Europa und dem heutigen Amerika, der alten Atlantis, diese Menschheitsentwickelung teilen wir auch in sieben aufeinanderfolgende Abschnitte. Für diese sieben Abschnitte gilt noch der Ausdruck «Rassen-Entwickelung». Denn diese sieben aufeinanderfolgenden Stufen der Menschheit auf der alten Atlantis waren auch noch körperlich, inner- und außer-körperlich - zum äußeren Körper rechnet man auch die innere Konfiguration des Gehirns, des Blutes und der anderen Säfte — sehr voneinander verschieden, während gar keine Rede davon sein kann, daß etwa die erste Menschheit der nachatlantischen Zeit, die alten Inder, von uns so weit verschieden waren, daß wir noch den Ausdruck «Rasse» darauf anwenden dürften. Man muß ja immer die Kontinuität der Theosophie festhalten, und daher ist es ja oft notwendig, an diesen alten Begriff der Rassen anzuknüpfen. Aber man erweckt doch zu leicht falsche Vorstellungen durch das Wort Rasse, weil man übersieht, daß das Einteilungsmotiv für die Menschheit, das wir heute haben, ein viel innerlicheres ist als das, welches mit dem Ausdruck der Rasse zusammenhängt. Und gar auf das, was unsere Kultur ablösen wird, die Kultur nach der siebenten Unterabteilung, wird überhaupt der Ausdruck Rasse nicht mehr angewendet werden dürfen, weil die Menschheit sich dann gliedern wird nach ganz anderen Grundgesetzen.
Cite:
GA 103/1908-05-30_02/p003 · edition original