Zehnter Vortrag
Nun schreiten wir weiter. Die Kultur des alten Persertums besteht darin, daß das Ich in den Empfindungsleib gesenkt wird. Die Kultur der Assyrer, Babylonier, Chaldäer, Ägypter besteht darin, daß das Ich hinaufsteigt bis in die Empfindungsseele. Was ist Empfindungsseele? Was vorzüglich bei dem empfindenden Menschen sich nach außen richtet, wodurch der wahrnehmende Mensch sich betätigt mit den Augen und den anderen Sinnen und wahrnimmt draußen in der Natur den waltenden Geist. Daher wird in dieser Zeit das Auge gerichtet auf die im Raume ausgebreiteten materiellen Dinge, auf die Sterne und ihren Gang. Da wirkt auf die Empfindungsseele das, was äußerlich im Raume ausgebreitet ist. Wenig ist in der ägyptisch-chaldäischassyrisch-babylonischen Zeit von dem im Menschen schon vorhanden, was man innerliche Persönlichkeits- und Verstandeskultur nennen könnte. Das stellt sich auch der heutige Mensch nicht mehr richtig vor, wie eigentlich die ägyptische Weisheit dieser Epoche beschaflen war. Diese Weisheit war eigentlich gar nicht ein Denken, ein Spekulieren, wie das später gekommen ist; sondern wenn der Mensch den Blick hinausrichtete, empfing er das Gesetz, das er draußen mit den Sinnen ablas. Ein Ablesen der Gesetze war es, keine Begriflswissenschaft, eine Anschauungswissenschaft, eine Empfindungswissenschaft.
Cite:
GA 103/1908-05-30_02/p011 · edition original