Zehnter Vortrag
Da aber das Christentum als etwas Unverstandenes aufgenommen worden ist, ist es arg vermaterialisiert worden. Es ist so weit mißverstanden worden, daß es selbst materialistisch aufgefaßt worden ist. Und so ist es in gewisser Weise sogar eine arg verzerrte, materialistische Gestalt, die das Christentum angenommen hat im Verlaufe der Zeit, die wir eben ins Auge faßten bis zu uns hinauf und die wir als einen zweiten Abschnitt bezeichnen können. Statt zum Beispiel die höhere spirituelle Idee des Abendmahls zu begreifen, wurde das Abendmahl vermaterialisiert, wurde als grobe Substanzverwandlung vorgestellt. Und so könnten wir Hunderte und aber Hunderte von Beispielen dafür anführen, daß das Christentum als spirituelle Erscheinung nicht verstanden worden ist. Jetzt sind wir ungefähr an dem Zeitpunkte angekommen, wo diese zweite Epoche abläuft, wo notwendigerweise die Menschheit an das spirituelle Christentum anknüpfen muß, an das, was das Christentum wirklich sein soll, um den wahren geistigen Inhalt aus ihm herauszuholen. Und das wird geschehen durch die anthroposophische Vertiefung des Christentums. Indem wir Anthroposophie auf das Christentum anwenden, folgen wir der welthistorischen Notwendigkeit, die dritte christliche Zeitepoche vorzubereiten, die entgegenlebt dem Einströmen des Manas im sechsten Zeitraum. Das wird sozusagen das dritte Kapitel sein. — Das erste Kapitel ist die Zeit der Vorverkündigung des Christentums bis zum Erscheinen des Christus Jesus und ein wenig darüber hinaus. Das zweite Kapitel ist das tiefste Heruntertauchen des menschlichen Geistes in die Materie und die Vermaterialisierung selbst des Christentums. Und das dritte Kapitel soll sein die geistige Erfassung des Christentums durch anthroposophische Vertiefung.
Cite:
GA 103/1908-05-30_02/p024 · edition original