{"corpus":"steiner","locus":"GA 103/1908-05-31/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Die Rosenkreuzer-Initiation aber, obwohl sie durchaus auf christlichem Boden steht, arbeitet mehr mit anderen symbolischen Vorstellungen, die die Katharsis herbeiführen, namentlich mit Imaginationsbildern. Das ist wiederum eine Modifikation, die angewendet werden mußte, weil die Menschheit wieder ein Stück in der Entwickelung weitergeschritten war und weil sich die Einweihungsmethode dem anpassen muß, was die Menschheit nach und nach entwickelt hat. | Nun müssen wir verstehen, daß der Mensch im Grunde doch ein ganz anderer wird, als er früher war, wenn er diese Einweihung erlangt. Während er früher nur seinen Umgang gehalten hat mit den Dingen der physischen Welt, erlangt er dann die Möglichkeit, ebenso umzugehen mit den Vorgängen und Wesen der geistigen Welt. Das setzt voraus, daß der Mensch in einem viel realeren Sinne die Erkenntnis erlangt als in jenem abstrakten, nüchternen, prosaischen Sinne, wie man gewöhnlich von Erkenntnis spricht. Für den, der geistige Erkenntnis erlangt, ist der Erkenntnisprozeß etwas ganz anderes noch. Er ist etwas, was ganz und gar eine Verwirklichung des schönen Spruches ist: «Erkenne dich selbst!» Aber es ist das Gefährlichste auf dem Erkenntnisgebiete, diesen Spruch in mißverständlicher Weise aufzufassen; und das geschieht heute nur allzu häufig. Diesen Spruch legen sich manche Leute so aus: sie sollen nicht mehr in der Welt herumschauen, sondern in ihr eigenes Innere hineingaffen und alles Geistige in diesem ihrem Innern suchen. Dies ist eine sehr mißverstandene Auffassung des Spruches, denn das bedeutet er gar nicht. Der Mensch muß sich klar sein, daß eine wirkliche höhere Erkenntnis auch eine Entwickelung ist von einem Standpunkte, den der Mensch erreicht hat, zu einem Standpunkt, den er vorher nicht erreicht hatte. Übt man Selbsterkenntnis auf die Weise, daß man nur in sich hineinbrütet, so sieht man nur, was man bisher schon hatte. Dadurch erlangt der Mensch aber nichts Neues, sondern nur eine im heutigen Sinne gemeinte Erkenntnis des eigenen niederen Ich. Dieses Innere ist nur der eine Teil, der zur Erkenntnis notwendig ist. Der andere Teil, der zur Erkenntnis gehört, muß hinzukommen. Ohne die zwei Teile geht es nicht. Durch das Innere kann der Mensch dazu kommen, die Organe in sich zu entwickeln, durch die man erkennt. Aber ebensowenig wie das Auge als äußeres Sinnesorgan durch ein Hineinblicken in sich selber die Sonne erkennen würde, sondern eben nach außen auf die Sonne blicken muß, so muß auch das innere Erkenntnisorgan nach außen, das heißt nach dem geistigen Außen, hinblicken, um wirklich zu erkennen. Der Begriff «Erkenntnis» hatte in den Zeiten, als man die geistigen Dinge noch realer auffaßte, einen viel tieferen, realeren Sinn als heute. Lesen Sie in der Bibel, was es heißt: « Adam erkannte sein Weib» (I. Mose 4,1 u. 25), oder dieser oder jener der Patriarchen «erkannte sein Weib». Sie brauchen nicht weit zu gehen, um es dahin zu verstehen, daß damit gemeint ist die Befruchtung; und wenn man den Spruch «Erkenne dich selbst» im Griechischen betrachtet, heißt es nicht: Gaffe in dein Inneres hinein, sondern: Befruchte dein Selbst mit dem, was aus der geistigen Welt dir zuströmt! Erkenne dich selbst! heißt: Befruchte dich selbst mit dem Inhalte der geistigen Welt!","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Zwölfter Vortrag","site_heading":null,"date":"1908-05-31","location":null,"word_count":508,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/103/1908-05-31/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/103/1908-05-31/p009"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/103/1908-05-31/p009","paragraph_aligned":true}],"translation_faults_against":[{"locus":"GA 103/1908-05-31/p009","lang":"en","edition":"English","translation":"Maud B. Monges (rsarchive AP1962)","kinds":["name_swap"],"note":"This sentence names the wrong man. The German quotes the Bible's 'Adam knew his wife' and gives the verses, Genesis 4:1 and 4:25. The translation has Abraham, and drops the verse reference.","url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/103/1908-05-31/p009?edition=English"}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}