Geisteswissenschaft, Evangelium und Menschheitszukunft
Es liegt vielleicht etwas fern, wenn man, um das Verhältnis von der Anthroposophie zu den Urkunden dieser oder jener Religion zu schildern — und heute werden wir es mit den religiösen Urkunden des Christentums zu tun haben —, den Vergleich macht: Anthroposophie verhält sich zu den religiösen Urkunden wie die mathematische Lehre zu den Urkunden, welche im Laufe der geschichtlichen Entwickelung der Menschheit als mathematische Lehrbücher oder Bücher überhaupt aufgetreten sind. Da haben wir ein altes Buch, das eigentlich nur der mit der Mathematik bewanderte Geschichtsforscher näher ins Auge faßt: die Geometrie des Euklid. Sie enthält zum erstenmal in einer schulmäßigen Weise dasjenige aus der Mathematik und Geometrie, was heute die Kinder in der Schule schon lernen. Wie wenige aber dieser Kinder werden sich dessen bewußt, daß alles das, was sie über parallele Linien, über das Dreieck, über die Winkel und so weiter lernen, in jenem alten Buche steht, daß es da zum erstenmal der Menschheit geschenkt worden ist! Mit Recht erweckt man im Kinde das Bewußtsein, daß man diese Dinge aus sich selbst einsehen kann, daß, wenn der menschliche Geist seine Kräfte in Bewegung setzt und sie anwendet auf die Formen des Raumes, daß er diese Formen einzusehen imstande ist ganz ohne Rücksicht auf jenes alte Buch. Einer aber, der vielleicht gar nichts gewußt hat von diesem Buch und die mathematischen und geometrischen Lehren in sich aufgenommen hat, er wird, wenn er es einmal kennenlernt, es in dem richtigen Sinne würdigen und verstehen. Er wird zu schätzen wissen, was derjenige der Menschheit gegeben hat, der dieses Buch zum erstenmal vor ihren Geist hingestellt hat.
Cite:
GA 104/1908-06-17/p006 · edition original