Geisteswissenschaft, Evangelium und Menschheitszukunft
Wenn wir nunmehr von diesem geisteswissenschaftlichen Standpunkt die Kraft und Bedeutung, den Sinn und den Geist der christlichen Religionsverkündigung verstehen wollen, dann müssen wir weit im geistigen Leben ausgreifen. Wir müssen den Blick werfen in Zeiten urferner Vergangenheit, mit anderen Worten, wir müssen zurückgreifen bis in die vorreligiöse Zeit der Menschheit, wir müssen versuchen, die Entstehung der Religion ins Auge zu fassen. Gibt es eine vorreligiöse Zeit der Menschheit? Ja, es war einmal eine Zeit auf der Erde, in der es keine Religion gegeben hat. Auch die Geisteswissenschaft muß eine solche Frage bejahen, obwohl in einem ganz anderen Sinne, als die materialistische Kulturweisheit es tut. Was bedeutet die Religion für die Menschheit? Religion war und wird noch lange für die Menschheit das sein, was schon ihr Wort ausdrückt. Das Wort Religion bedeutet: Verbindung des Menschen mit seinem Göttlichen, mit der geistigen Welt. Und im wesentlichen sind die religiösen Zeiten solche, in denen der Mensch sich nach der Vereinigung mit dem Göttlichen sehnte, sei es aus den Quellen eines Wissens oder aus einer gewissen Empfindung heraus, oder deshalb, weil er fühlte, daß sein Wille nur stark sein kann, wenn er von göttlicher Kraft durchströmt ist. Solche Zeiten, in denen der Mensch sozusagen mehr in sich ahnte, als daß er etwas Äußeres wußte, in denen er die übersinnliche Welt mehr ahnte, denn daß er sie geschaut, daß er sie um sich gehabt hätte, das sind die religiösen Zeiten unserer Erde. Und vor diesen Zeiten gab es andere Zeiten, wo der Mensch ein solch ahnendes, lechzendes Verbinden mit der geistig-übersinnlichen Welt nicht brauchte, deshalb nicht brauchte, weil er von dieser übersinnlichen Welt, von dieser geistigen Welt wußte, wie der Mensch der Gegenwart weiß von den sinnlichen Dingen. Braucht der Mensch überzeugt zu werden, daß es Steine, Bäume, Tiere gibt? Braucht er irgendeine Urkunde, eine Lehre darüber, die ihm bezeugt oder ihn ahnen läßt, daß es Steine, Pflanzen, Tiere gibt? Nein, denn er sieht sie, er erschaut sie um sich herum, und deshalb braucht er eine solche Religion des Sinnlichen nicht. Denken wir uns einen Menschen, der in ganz anderen Welten lebte, mit ganz anderen Sinnesorganen, Erkenntnisorganen ausgerüstet, der nicht die Steine, Pflanzen, Tiere sehen würde, weil sie unsichtbar wären für ihn, denken wir uns einen solchen Menschen, dem durch Schriften oder sonstwie die Kunde gegeben würde von Steinen, Pflanzen, Tieren: Was wäre dasjenige, was für Sie Anschauung, Erfahrung, unmittelbares Wissen ist, was wäre das für ihn? — Religion wäre es für diesen Menschen. Wenn irgendwo in einem Buche stehen würde, es gibt Steine, Pflanzen, Tiere, dann wäre das für diesen Menschen Religion, denn er hat es niemals gesehen.
Cite:
GA 104/1908-06-17/p010 · edition original