Erster Vortrag
Wir müssen solch einen Satz, wie ich ihn jetzt aussprechen werde, nicht zwängen und nicht drängen, nicht pressen und nicht zu scharf in Konturen denken. Er soll nur symptomatisch aussprechen, was als tiefere Wahrheit zugrunde liegt. Aber es ist in dem, was wie ein letztes Blatt geblieben ist aus den Traditionen der altgermanischen Mysterien, es ist in der Siegfriedsage etwas wie ein Hineingeheimnissen jener Gesinnung vorhanden. Wenn wir darauf hingewiesen werden, daß Siegfried wirklich der Repräsentant ist der altnordischen Einweihung, wenn wir hingewiesen werden darauf, daß an der Stelle, wo er verwundbar ist, ein Blatt liegt, daß diese Stelle am Rücken sich befindet, dann fühlt der, der so etwas symptomatisch zu fühlen vermag: Das ist die Stelle, wo etwas anderes liegen wird beim Menschen, wenn jene Verwundung ihn nicht mehr treffen kann, die die Eingeweihten der altnordischen Mysterien noch erleiden konnten. — Die Stelle soll zuhüllen das Kreuz. Da soll es liegen, das Kreuz des Christus Jesus; da lag es noch nicht beim Eingeweihten der altnordischen Mysterien. Darauf wird hingedeutet in den alten Mysterien der germanischen Völker in der Siegfriedsage. Und so wird selbst da noch symptomatisch angedeutet, wie zusammenstimmend gedacht werden sollen die alten Einweihungen der Druiden, der Drotten, mit den Mysterien des Christentums. Daran erinnert wie ein physiognomischer Ausdruck dieses Hingestelltsein der ersten germanischen Bibelübersetzung in die nordische Welt hinein. Und daß es wie eine karmische Verkettung ist, das mag Ihnen noch der Umstand wiederum symbolisieren, daß einstmals elf Blätter aus diesem Silbernen Kodex gestohlen worden sind, und daß der spätere Besitzer derselben solche Gewissensbisse empfunden hat, daß er diese elf Blätter nicht behalten wollte, sondern sie wiederum zurückgab. Wie gesagt, man soll solche Dinge nicht pressen und drängen, sondern sie als bildliche Darstellungen auffassen jener karmischen Verwickelungen, die sich physiognomisch zum Ausdruck bringen in dem Hineingestelltsein der ersten germanischen Bibelübersetzung in die nordische Welt. Und wie hier dieses Ereignis der Geschichte, so wird uns alles, was uns im Leben entgegentritt, Großes und Kleines, vertieft und mit einem neuen Licht durchstrahlt durch die anthroposophische Gesinnung, die sich darin bekundet, daß man in allem physisch Wahrnehmbaren den physiognomischen Ausdruck eines Übersinnlich-Geistigen erblickt.
Cite:
GA 104/1908-06-18/p005 · edition original