Erster Vortrag
Innerhalb gewisser esoterischer Schulen hatte man eine Art von Zahlenschrift. Gewisse Worte, die man nicht in gewöhnlicher Schrift mitteilen wollte, brachte man durch Zahlen zum Ausdrucke. Und es war ja, wie vieles andere, so auch etwas von den tiefen Geheimnissen der Apokalypse in Zahlen hineingeheimnißt, besonders jenes dramatische Ereignis in die Zahl 666. Man wußte, daß man Zahlen in besonderer Weise zu behandeln hat, namentlich aber, wenn so gründlich darauf hingewiesen wird wie mit den Worten: «Hier ist Weisheit.» «Die Zahl des Tieres ist 666.» Bei solchen Hinweisen wußte man, daß man für Zahlen gewisse Buchstaben einzusetzen hat, um zu wissen, was gemeint ist. Diejenigen nun, die etwas gehört hatten und doch nichts wirklich wußten, haben in ihrer materialistischen Anschauung herausgekriegt, daß, wenn man statt der Zahl 666 Buchstaben einsetzt, das Wort «Nero» oder «Caesar Nero» herauskommt. Und heute können Sie in einem großen Teil der Literatur, die sich mit der Enthüllung der Apokalypse befaßt, lesen: Da waren früher die Leute so töricht, daß sie alles mögliche in diese Stelle hineingeheimnißt haben, aber jetzt ist das ein gelöstes Problem. Jetzt wissen wir, daß nichts anderes gemeint ist als Nero, «Caesar Nero», und es ist klar, daß die Apokalypse zu einer Zeit geschrieben worden ist, als Nero schon gelebt hatte, und daß der Schreiber mit all dem hat sagen wollen, daß in Nero der Antichrist aufgetreten sei; daß also das, was in diesem dramatischen Element liegt, eine Steigerung vorhergehender Elemente ist. Nun darf man nur nachforschen, was unmittelbar vorher geschehen ist. Dann kommt man darauf, was der Apokalyptiker hat schildern wollen. Es wird berichtet, daß in Kleinasien Erdbeben stattgefunden haben, als der Kampf zwischen Nero und dem Christentum wütete. Also sind das die Erdbeben, die der Apokalyptiker erwähnt bei der Eröffnung der Siegel und beim Ertönen der Posaunen. Er spricht auch von Heuschreckenplagen. Richtig, es wird ja mitgeteilt, daß zur Zeit der Christenverfolgung durch Nero auch Heuschreckenplagen auftraten. Also erzählt er von diesen. — So hat es das neunzehnte Jahrhundert dahin gebracht, das tiefste Dokument des Christentums zu vermaterialisieren, darin nichts zu sehen als die Schilderung dessen, was man eben durch die materialistische Betrachtung der Welt finden kann. Das sollte nur gesagt werden, um anzudeuten, wie gründlich gerade dieses tiefste, bedeutsamste Dokument des esoterischen Christentums mißverstanden worden ist.
Cite:
GA 104/1908-06-18/p011 · edition original