Zweiter Vortrag
Das ist ja noch deutlich ausgesprochen bei dem Volke, das sich bekennt zum Alten Testamente. Da fühlte sich als ein Glied des Volkes jeder einzelne. Es ist so, daß der einzelne nicht im höchsten Sinne von sich sprach, wenn er das gewöhnliche Ich aussprach, sondern daß er etwas Tieferes fühlte, wenn er sagte: «Ich und der Vater Abraham sind eins.» Denn für ihn ging bis Abraham hinauf ein gewisses Ich-Bewußtsein, das durch alle Generationen von Abraham bis zum einzelnen herunterkam. Was blutsverwandt war, das war in einem Ich beschlossen. Es war wie eine gemeinsame IchGruppenseele, die das ganze Volk umfaßte, und diejenigen, die die Dinge durchschauten, sagten sich: Das, was wirklich unser innerstes, unvergängliches Wesen ausmacht, das wohnt nicht im einzelnen, das wohnt im ganzen Volke. Alle einzelnen Glieder gehören zu diesem gemeinsamen Ich. — Daher war sich auch jeder solcher Bekenner klar: Stirbt er, dann vereinigt er sich mit einer unsichtbaren Wesenheit, die hinaufgeht bis zum Vater Abraham. Wirklich fühlte der einzelne, daß er hinaufkam in den Schoß Abrahams. Da fühlte er sich wie im Unvergänglichen geborgen in der Gruppenseele des Volkes. Diese Gruppenseele des ganzen Volkes konnte nicht heruntersteigen auf den physischen Plan. Da sahen sie nur einzelne Menschengestalten. Aber die waren ihnen nicht die Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit war in der geistigen Welt. Sie ahnten, daß das, was durch das Blut fließt, das Göttliche sei. Und weil sie den Gott sehen mußten in Jehova, nannten sie dieses Göttliche Jahve, oder auch sein Antlitz: Michael. Als geistige Gruppenseele des Volkes betrachteten sie Jahve.
Cite:
GA 104/1908-06-19/p013 · edition original