Fünfter Vortrag
Die Seele aber hätte eine Verfinsterung durchmachen müssen, wenn nicht das Ereignis von Golgatha eingetreten wäre, wenn nicht das Licht, das von diesem Ereignis ausging, seine Wirkung ausgeübt hätte. Nachdem der Mensch zum vollen Bewußtsein seines irdischen Ichs gekommen ist in diesem vierten Zeitraum, wo er herausgetreten ist in die physische Welt, erscheint unter anderen auch erst der Begriff des Testamentes als ein Zeichen dafür, daß der Wille des Menschen so wichtig geworden ist, daß er den Tod überdauert. Doch das tritt zuerst auf im alten Rom, noch nicht in Griechenland. Ebenso kennt Griechenland auch noch nicht den Begriff des fest auf der Erde fußenden einzelnen Menschen; erst nach und nach entwickelt sich das Gefühl, daß der einzelne Mensch nicht nur ein Gemeinschaftswesen, sondern ein Einzelner ist. Den Begriff der Persönlichkeit, den Begriff des im Menschen verankerten Göttlich-Geistigen hätte man vorher gar nicht verstanden. Im alten Griechenland konnte man nur begreifen, daß sich das Göttlich-Geistige in der geistigen Welt aufhalte. Nun aber empfindet das Griechentum im eminentesten Sinne, was es heißt, mit dem menschlichen Bewußtsein zu wissen, daß das Ich lebt, aber trotzdem noch nicht zu erkennen, daß das Ich ein Göttliches ist. Drüben im Orient war es verkündet worden durch Moses. Für den Griechen war es zwischen Geburt und Tod als Göttliches nicht da. Und es war ein tieftragisches Gefühl, das durch alle Seelen ging... [Lücke in der Nachschrift.] So sagte sich der Grieche, daß der Mensch heruntergestiegen ist aus der göttlichgeistigen Welt; aber er wußte nicht, daß er sich wieder hinaufarbeiten könne und daß er in Zukunft zurückkehren könnte in die geistige Welt.
Cite:
GA 104a/1909-05-14/p004 · edition original