Erster Vortrag

GA 105/1908-08-04/p006 ·1908-08-04 · original (original)
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Wenn wir unseren Blick zurückwenden zum alten Ägyptertum und nur einige wenige der, man möchte sagen, sich stark ankündigenden Dokumente dieses Ägyptertums betrachten, so fallen uns zum Beispiel die Pyramiden auf, und auch die Sphinx, jene wunderbare, rätselhafte Figur. Dann lassen wir den Blick heraufschweifen in das alte Griechenland. Dort tritt uns in seiner eigenartigen Architektur der griechische Tempel entgegen. Und wir betrachten, was wir durch die äußere Geschichte vom Griechentum wissen, und bewundern die plastischen Kunstwerke, jene großen, idealen, vollendeten Menschengestalten, welche als Götter angesprochen werden: Zeus, Demeter, Pallas Athene, Apollo. Und weiter herauf, nach dem alten Römertum wenden wir den Blick. Etwas Merkwürdiges stellt sich uns dar, wenn wir so den Blick schweifen lassen von der alten griechischen Halbinsel hinüber nach der italienischen Halbinsel. Vor unser Auge treten die Gestalten des alten Römertums, die uns am meisten haften geblieben sind, Gestalten, mit der Toga bekleidet, die mehr ist als ein bloß äußeres Kleid. Was fühlen wir gegenüber jenen römischen Gestalten? O, man könnte sagen, man fühlt gewissen Gestalten aus der ersten römischen Königszeit, aus der römischen Republik gegenüber so, als ob von ihren Postamenten heruntergestiegen wären die idealen Figuren der Griechen, als ob sie uns leibhaft in den römischen Togagestalten als Menschen von Fleisch und Blut vor die Seele träten. Denn das, was sie uns so erscheinen läßt, das ist die innere Kraft, die sie haben; und wir fühlen, was in dieser inneren Kraft liegt, wenn wir das Empfinden, das Denken, die Gesinnung eines Angehörigen des griechischen Staates, zum Beispiel eines Spartaners, eines Atheners vergleichen mit dem, was sich im alten Rom als Römer entwickelte. Wir fühlen, um was es sich da handelt. Der Angehörige von Sparta, von Athen, fühlte sich zuerst als Spartaner, als Athener. Ausgestattet in einer gewissen Beziehung, in einem gewissen Grade mit einer gemeinsamen Seele, fühlt der Spartaner, der Athener das, was wir die griechische Polis nennen, mehr als seine eigene auf sich gestellte Menschlichkeit, mehr fühlte er sich als Spartaner, als Athener denn als Menschenbürger; mehr fühlt er die starke Kraft, die in ihm wirkt, hervorgegangen aus dem gemeinsamen Geiste der Polis, als die eigene, persönliche Kraft. Der Römer dagegen erscheint uns ganz auf den Mittelpunkt seiner eigenen Persönlichkeit gestellt. Daher tritt etwas ganz Bestimmtes vor allen Dingen im Römertum auf, das ist der Begriff des bürgerlichen Rechts. Denn alles, was Rechtsgelehrte von vorhergehender Entstehung des Rechtsbegriffes träumen, ist etwas ganz anderes als das, was man in besseren Zeiten der Forschung mit Recht das Römische Recht genannt hat. Im alten Rom lernt der Mensch sich als Einzelmensch fühlen, er steht auf seinen zwei Füßen nicht mehr als Angehöriger einer Stadt, sondern als römischer Bürger da, das heißt, er fühlt sich auf den Punkt seiner eigenen Menschlichkeit gestellt. Damit ist die Zeit gekommen, in welcher das Geistige, das vorher sozusagen wie in höheren Regionen schwebend empfunden wurde, heruntergestiegen ist bis auf unsere Erde. Es ist etwas Eigentümliches mit dem römischen Recht und seiner Kultur. Nehmen wir den einen Fall, daß der Grieche sich als Thebaner, als Spartaner fühlte — was ist denn der Geist von Theben, von Sparta? Für uns Anthroposophen ist er nicht ein Abstraktum, sondern etwas wie eine geistige Wolke, die wiederum der körperhafte Ausdruck für ein geistiges Wesen ist, in das die Stadt Sparta oder 'Theben eingebettet ist; aber keine Wesenheit, die auf dem irdischen, physischen Plane sichtbar wäre. Der Grieche blickt zunächst nicht auf sich, er blickt zu etwas über ihm hinauf; der Römer blickt zuerst auf sich. Er ist es, der zuerst das Höchste, das im Fleische auf physischem Plane Gestalt annehmen kann, als Mensch anerkennt. Das Geistige ist ganz heruntergestiegen in die Menschlichkeit: das ist die Zeit, wo auch das höchste Geistige, wo das Göttliche selbst heruntersteigen konnte bis zur Inkarnation, bis zur Menschwerdung im Fleische, im Christus Jesus.

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