Erster Vortrag
Und wir sehen, wie in einer ungeheuer vertieften Gestalt nunmehr eine Reihe von Kulturerscheinungen herauswächst aus dem, was so der Mensch als eine neue Gabe empfangen hat. Wir sehen, wie sich der Tempelbau, der Pyramidenbau zu der romanischen Kirche verwandelt — wiederum ein solches Dokument inneren menschlichen Schaffens! — und wir sehen, wie vom 6. Jahrhundert an das Kreuz mit dem toten Jesus erscheint. Und nach und nach wächst heraus aus dieser Strömung des Christentums eine merkwürdige Gestalt, deren Mysterien tief, tief verborgen sind. Wir brauchen uns diese Gestalt der malerischen Kunst nur einmal in jener wunderbaren Form vor das Auge zu führen, die sie angenommen hat in der Sixtinischen Madonna von Raffael. Sie alle kennen dies wunderbare jungfräuliche Weib im Mittelpunkte des Bildes. Sie kennen dies Kind, von der Madonna getragen, und Sie haben gewiß alle die entsprechenden Schauer der Empfindung vor diesem Bilde gehabt. Aber eines lassen Sie mich erwähnen gegenüber diesem Bilde, das ein so wunderbarer Ausdruck ist für das geistige Streben der Menschheit auf der Stufe, die uns in den drei genannten Kulturen beschäftigt: Nicht umsonst hat der Künstler diese Madonna mit einem Wolkengebilde umgeben, aus dem sich eine große Anzahl von ähnlichen Kindlein, von Engelsgestalten herausentwickelt.
Cite:
GA 105/1908-08-04/p009 · edition original