Erster Vortrag
Und nun wollen wir uns ganz hineinversenken mit unseren Empfindungen in dieses Madonnenbild. Wer nur genügend intime Empfindung hat, um sich hineinzuversenken, der wird ahnen und herausfühlen, daß hier etwas ganz anderes noch ist, als was ein gewöhnlicher profaner Verstand in diesem Bilde erblicken kann. Sagen uns nicht diese Wolkenengel um die Madonna herum etwas? — Ja, etwas höchst Bedeutsames sagen sie uns, wenn wir sie nur genügend tief betrachten. Es raunt sich uns in unsere Seele hinein, wenn wir uns intim in dieses Bild versenken: Hier ist ein Wunder vor uns im besten Sinne des Wortes. — Und wir glauben nicht, daß dieses Kind, das die Madonna auf ihren Armen trägt, so wie uns diese Gestalt entgegentritt, wir glauben nicht, daß es in gewöhnlicher Weise geboren ist von dem Weibe. Nein, diese Engelsgestalten in den Wolken sagen es uns: Wunderbar, flüchtig wie im Werden erscheinen sie, und das Kind auf dem Arme erscheint uns nur wie ein verdichteter Ausdruck, wie etwas, das mehr kristallisiert ist als diese flüchtigen Engelsgestalten. Wie aus den Wolken heruntergeholt und in die Arme gefaßt, so erscheint uns dieses Kind, nicht wie vom Weibe geboren. Und auf einen geheimnisvollen Zusammenhang des Kindes mit der jungfräulichen Mutter werden wir hingewiesen. Und wenn wir so dies Bild vor den Geist hinmalen, dann taucht vor unserem Blick eine andere jungfräuliche Mutter auf: die alte ägyptische Isis mit dem Horuskinde. Und man kann einen geheimnisvollen Zusammenhang vermuten zwischen der christlichen Madonna und der ägyptischen Gestalt, die vor uns steht als die Isis, und an deren Tempel die Worte standen: «Ich bin, was da war, was da ist, was da sein wird; meinen Schleier kann kein Sterblicher lüften.» Das, was wir eben in zarter Weise wie ein Wunder auf dem Madonnenbilde angedeutet haben, das deutet uns auch die ägyptische Mythe an, indem sie Horus nicht durch Empfängnis geboren sein läßt, sondern dadurch, daß von Osiris aus ein Lichtstrahl auf Isis fällt, eine Art unbefleckter Geburt: das Horuskind erscheint. Da sehen wir, wie sich die Fäden herüberknüpfen; was wir da erforschen, ist sozusagen ohne irdischen Zusammenhang.
Cite:
GA 105/1908-08-04/p010 · edition original