Fünfter Vortrag

GA 105/1908-08-08/p013 ·1908-08-08 · original (original)
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Wenn wir in die Tiefen der menschlichen Kulturentwickelung, sofern sie geistiger Art ist, hineinblicken, so finden wir an vielen Stellen, daß in der Tat die Mythen und Sagen, die uns überliefert worden sind, in vieler Beziehung weiser sind, als es unsere heutige Wissenschaft ist. Und wenn der Mensch einst die geistige Grundlage der Welt wieder erkennen wird, dann wird er in manchem Mythos, in manchen Sagen und Märchen eine tiefe Weisheit erkennen, tiefer als unsere scheinbar so vorgeschrittene Wissenschaft. Denken wir uns noch einmal den alten Mond, in dem nur die alte Tierpflanze gedeihen kann, und lenken wir eine Weile den Blick ab von der Weiterentwickelung des Mondes. Seien wir uns klar, daß alle diese Mondwesenheiten Vorläufer unserer heutigen Menschenwesen waren. Aus den Mineralpflanzen ist durch einen Herunterstieg unser heutiges Mineralreich entstanden, aus den Tierpflanzen unsere heutigen Pflanzen und aus den zurückgebliebenen Tiermenschen, aus denen, die nicht fortgeschritten sind, zum größten Teile unsere heutigen Tiere. So sehen wir, wie unsere heutigen Mineralien, unsere Pflanzen, Tiere und Menschen wirklich Nachkommen sind jener alten Mondwesen. Nun gibt es heute sehr merkwürdige Pflanzen, die nicht in einem mineralischen Boden gedeihen, zum Beispiel die Mistel. Sie ist deshalb so merkwürdig, weil sie sich als Pflanze für den hellseherischen Blick sehr von den anderen Pflanzen unterscheidet. Sie zeigt nämlich etwas von einem Astralleib, der, wie bei dem Tierleibe, in die Mistel hineingeht. Trotzdem sie keine Empfindung hat, zeigt sie etwas von der äußeren Gestalt des Tierwesens. Das rührt davon her, daß sie zu jenen Pflanzentieren des Mondes gehört, die zurückgeblieben sind; die jetzt nicht Pflanzen haben werden können und die deshalb auch nicht auf einem mineralischen Boden gedeihen. So weit konnten sie nicht fortschreiten, und deshalb brauchen sie andere Pflanzen, in die sie sich hineinsenken können. Die Mistel ist bei dem alten Mondbrauch geblieben. Das haben die alten Vorfahren der europäischen Völker gewußt, indem sie es zunächst in einem wunderbaren Sagengebilde verkörpert haben. Diese alten germanischen und nordischen Völkerschaften sahen in Loki eine Gewalt, welche noch jenen alten Mondkräften angehörte, die sich von dem alten Mondschauplatz auf unsere Erde herübergefunden haben. Als die Erde Erde geworden ist, kam sie unter den Einfluß derjenigen Kräfte, welche sich diese alten Völkerschaften in dem Gotte Baldur symbolisierten. Er repräsentiert alle die Kräfte, die auf die reifen Erdenwesen wirkten. Diejenigen Wesenheiten unserer Erde aber, die auf der Mondstufe zurückgeblieben sind, fühlen innige Verwandtschaft zu dem, der zu dem Gotte des Mondes gehört, zu Loki. Daher stammt die wunderbare Sage, daß einst, als die Götter spielten, alle Wesen einen Eid geleistet haben, daß sie Baldur nicht verletzen wollten — nur die Mistel schwur diesen Eid nicht. Weshalb? Weil sie nicht verwandt ist mit den Erdenkräften, die in Baldur verkörpert sind; sie ist degeneriert, ein zurückgebliebenes Geschöpf des Mondes. Sie kann die Grundkraft der Erde, Baldur, verletzen. Loki muß sich eines Wesens bedienen, das zu ihm gehört. Tief aus dem geheimen Weltenzusammenhange heraus ist diese Sage entstanden. Und wenn wir wissen, daß in vieler Beziehung dasjenige, was der gesunden - Entwickelung widerstrebt, gerade der kranken Entwickelung dienen muß, dann begreifen wir, daß es eine große, weise Intuition unserer Vorfahren war, die sie dazu führte, in der Mistel besonders heilende Kräfte und Säfte zu suchen. Sie wußten das, was wir eben besprochen haben; daher das Ansehen, welches der Mistel überhaupt gegeben worden ist. Das ist so ein Beispiel, an dem wir sehen können, wie in den Sagen und Mythen Weisheit der Weltentwickelung verborgen ist. Dadurch nun, daß auf dem Monde sozusagen ein Teil von dem Ather- und dem Astralleib herausgezogen ist beim Tiermenschen, dadurch entsteht bereits auf dem alten Monde die Notwendigkeit eines Bewußtseinswechsels. Und jetzt müssen wir von einer anderen Entwickelung sprechen, die parallel mit dieser vor sich geht. Jede einzelne dieser Entwickelungsstufen auf dem Saturn, der Sonne, dem Monde und der Erde ist zugleich eine Stufe der Bewußtseinsentwickelung. Auf dem Saturn war das Bewußtsein ganz dumpf, es war die erste Stufe. Unser Bewußtsein im traumlosen Schlafe, das, was die ewig schlafende Pflanzenwelt hat, ist schon heller als das, was der Mensch auf dem Saturn hatte und was sich mit dem Bewußtsein des Minerals vergleichen läßt. Erst auf der Sonne erhob sich der Mensch zu einem Bewußtsein, wie das der Pflanze ist, und dadurch, daß der Mensch auf dem Monde den Astralleib eingegliedert erhielt, stieg auch sein Bewußtsein noch einen Grad höher, zu dem, was wir als das Bilderbewußtsein bezeichnen. Mit dem heutigen Traumbewußtsein können wir es nur in gewisser Beziehung vergleichen, denn unsere Träume haben ja nur in Ausnahmefällen etwas zu bedeuten. Aber auf dem Monde war das anders. Die auf- und absteigenden Bilder, die sich dem Menschen da zeigten, hatten etwas zu bedeuten. Wenn sich ihm ein anderes Wesen näherte, so konnte er nicht äußere Form und Farbe wahrnehmen, aber er empfand etwas in sich aufsteigen, so wie es heute der Mensch im Traume tut; es stieg in ihm auf ein Bild von der inneren Natur des Wesens, und je nach der Farbe und dem Charakter dieses Bildes wußte er, ob das Wesen ihm freundlich oder feindlich gesinnt sei, ob er bleiben oder fliehen sollte.

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