Siebenter Vortrag
Auch später war noch die Umgebung des Menschen durchaus anders als heute; auch die Bewußtseinszustände waren natürlich wesentlich anders. Wir müssen uns vor allen Dingen darüber klar sein, daß in der eben besprochenen Zeit bis hinein in die Mitte der atlantischen Zeit die heutige Menschengestalt sich erst allmählich herausgebildet hat; wir haben ja gesehen, wie in der Mitte der atlantischen Zeit die Menschengestalt in normaler Weise einen gewissen Abschluß durch Jehova und die Geister der Form erlangt hat. Wenn wir das in vollem Ernste erfassen, werden wir begreiflich finden, daß alles, was wir heute überhaupt im Menschen finden, sich erst herausgebildet hat im Laufe dieser Epoche, von der lemurischen Zeit bis in die atlantische Zeit. Dieser lemurische Mensch, wenn Sie ihn hellseherisch erblicken könnten, würde Ihnen noch ganz andere Rätsel zu lösen geben; denn er hatte Funktionen, die heute getrennt sind, noch in einer gewissen Vereinigung. So gab es zum Beispiel in der Zeit, als die lemurische Entwickelung in ihrer Blüte war, noch nicht eine solche Atmung und auch nicht solche Ernährung, wie sie heute besteht. Die Substanzen waren ja ganz anders; Atmung und Ernährung waren in einer gewissen Beziehung etwas Zusammenhängendes, eine gemeinsame Verrichtung, die sich später erst geteilt hat. Eine Art wässerige, grob ausgedrückt, milchartige Substanz nahm der Mensch in sich auf, und das gab ihm gleichzeitig dasjenige, was er heute abgesondert in der Atmung und Ernährung hat. Und etwas anderes war auch noch nicht geschieden. Sie wissen ja, daß im Laufe derselben Zeit, die wir jetzt entwickeln, sich die Sinne erst nach außen geöffnet haben. Früher waren sie nicht geöffnet. Die Sinne, die wir heute haben, nahmen damals noch nicht äußere Dinge wahr. Der Mensch war beschränkt auf das Bilderbewußtsein; lebendige Traumbilder stiegen auf, aber es war kein äußeres Gegenstandsbewußtsein. Dagegen nahm der Mensch als erste Ankündigung des äußeren Lebens, sozusagen als erste Spur äußerer Sinnesempfindung die Fähigkeit an, warm und kalt in seiner Umgebung zu unterscheiden. Das ist überhaupt der Anfang äußerer Sinneswahrnehmung auf der Erde für den Menschen, der sich in dem damals flüssigen Elemente noch bewegte: er empfand, ob er sich einer warmen oder kalten Stelle näherte. Diese Fähigkeit wurde damals vermittelt durch ein Organ, das heute verkümmert ist. Sie werden schon gehört haben, daß sich im Inneren des menschlichen Gehirns die Zirbeldrüse befindet, heute ist sie verkümmert, früher öffnete sie sich nach außen; es war sozusagen ein Kraftorgan, das seine Strahlen nach außen sandte. Und der Mensch bewegte sich mit einer Art Laterne, die eine gewisse Leuchtkraft entwikkelte, durch das wäßrige Element. Diese Laterne, die aus dem Kopfe herausragen würde, wenn die Zirbeldrüse wieder wachsen würde, befähigte den Menschen, Wärmeunterschiede zu haben; es war sozusagen das erste allgemeine Sinnesorgan. In der Naturwissenschaft nennt man es heute ein degeneriertes Auge; ein Auge war dies nie, sondern ein Wärmeorgan, und zwar nicht nur für die Umgebung, sondern sogar auf Entfernung konnte es wahrnehmen. Aber es hatte noch eine andere Aufgabe. Dies Organ, das sich schloß, als die anderen Sinnesorgane sich zu öffnen begannen, war in gewissen alten Zeiten ein Befruchtungsorgan, so daß Sinnesempfänglichkeit und Befruchtung für eine gewisse Zeit zusammenfiel. Durch dieses Organ nahm der Mensch diejenigen Kräfte aus seiner Umgebung in sich auf, die ihn befähigten, seinesgleichen hervorzubringen. Und in einer bestimmten Zeit war es sogar so, und zwar als der Mond sich noch nicht von der Erde abgeschieden hatte, daß die Atmosphäre der Erde besonders fähig wurde, bei einer bestimmten Sonnenstellung diejenige Substanz abzugeben, welche dieses Organ zu besonderem Aufleuchten brachte. Es gab wirklich solche Zeiten — und gewisse Meertiere, die zu Zeiten eine Leuchtkraft entfalten, erinnern heute noch daran -, in denen eine allgemeine Befruchtung eintrat; Zeiten, in denen durch eine besondere Sonnenstellung der damals noch völlig ungeschlechtliche Mensch eine Befruchtung erfuhr, so daß er seinesgleichen hervorbringen konnte. Sinneswahrnehmung und Befruchtung, Ernährung und Atmung stehen in urferner Vergangenheit in innigem Zusammenhange.
Cite:
GA 105/1908-08-11/p007 · edition original