{"corpus":"steiner","locus":"GA 105/1908-08-13/p009","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Jetzt müssen wir uns aber wieder die Tatsache vor Augen halten, daß die Menschen immer mehr und mehr herunterzogen auf den physischen Plan, in die materielle Welt; dadurch waren die Götter immer weniger in der Lage, Verbindungen mit den Menschen aufrechtzuerhalten. Nach und nach war es manchen von ihnen nur noch möglich geworden, mit auserlesenen Wesenheiten Gemeinschaft zu haben. Gewisse Göttergestalten waren es, die nicht mehr zu dem gewöhnlichen Menschen hinabsteigen konnten, die nur noch mit solchen Persönlichkeiten in Verbindung treten konnten, die ihnen in einer gewissen Weise entgegenkamen, die sich zu ihnen hinaufentwickelten. Nun mischten sich in merkwürdiger Weise Gesinnung und übriggebliebenes Hellsehen und Einweihungsprinzip so, daß der Ausdruck dieser Mischung in dem germanischen Bewußtsein erhalten blieb. Während der atlantischen Zeit wußten die Menschen: Geradeso wie ich im Schlafe, wenn ich aus dem physischen und dem Ätherleibe heraus bin, in das Reich der Götter aufsteige, so steige ich nach dem Tode in das Reich der Götter hinauf; sie sind mir etwas Bekanntes, dort kann ich ihnen wieder begegnen. — Und als eine Art von Strafe lernte man es empfinden, wenn der Mensch nach dem Tode zeitweilig der Möglichkeit entzogen war, zu den Göttern aufzublicken, in ihre Gemeinschaft aufgenommen zu werden, wenn er eine gewisse Prüfungszeit nach dem \"Tode durchzumachen hatte, weil er sich zu sehr in das materielle Leben verstrickt hatte. Diejenigen Menschen aber, die in der Lage waren, das materielle Leben nicht höher einzuschätzen als etwas anderes Nichtmaterielles, von denen war man überzeugt, daß sie nicht von der materiellen Welt zurückgehalten wurden, sondern daß sie gleich nach dem Tode in das Reich des Geistes eintreten konnten, das ihnen ja wohlbekannt war. Nach der Gesinnung derjenigen Völker, welche sich über Europa ausbreiteten, betrachtete man nun vor allen Dingen denjenigen Menschen als nicht am materiellen Leben hängend, der auf dem Schlachtfelde tapfer kämpfte, der den Tod als Krieger fand, der die Ehren des Krieges höher schätzte als das Materielle. Und von einem solchen war man überzeugt, daß er unmittelbar nach dem Tode irgendeiner Gottheit ansichtig wurde. Wer aber nicht als Krieger auf dem Schlachtfelde sterben konnte, wer nicht ein geistiges Gut höher schätzen gelernt hatte als das materielle Leben, von dem sagte man, daß er den Strohtod starb, daß er nicht reif war, unmittelbar aufgenommen zu werden in das Reich des Geistes, daß er vorher in ein Reich eintreten mußte, in dem er gewisse Prüfungen durchzumachen hatte. Und die Begegnung mit der Walküre ist der Ausdruck für diese Gesinnung in Verknüpfung mit der Erinnerung an das alte Hellsehen. Man stellte sich mit Recht vor, daß derjenige, der den Tod auf dem Schlachtfelde fand, aufgenommen wurde von der Walküre; und es liegt ganz im Stile einer solchen Vorstellungsart, wenn sich das, was sich so in Europa herausgebildet hatte, in dieser alten Zeit herausgestaltete als die Symbolik für die Einweihung. In anderen Völkern hatten sich andere Vorstellungen ausgebildet; innerhalb der europäischen Gegend aber galt persönliche Tapferkeit und Tüchtigkeit als das Wertvoliste.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Neunter Vortrag","site_heading":null,"date":"1908-08-13","location":null,"word_count":489,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/105/1908-08-13/p009","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/105/1908-08-13/p009"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/105/1908-08-13/p009","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}