Neunter Vortrag
Versetzen wir uns in die Gemütsart dieser alten Europäer. Sie alle sagten sich: Ich sehe ja, daß ich mit den Göttern zusammenhänge, ich reiche ja hinauf in das Reich der Götter. — Und dadurch entwickelte sich gerade auf dem Boden Europas ein starkes Persönlichkeitsbewußtsein, ein Bewußtsein von dem eigenen göttlichen Werte der menschlichen Persönlichkeit, ein starkes Freiheitsbewußtsein vor allen Dingen. Diese Gemütslage müssen wir uns denken, denn dieses Persönlichkeitsbewußtsein war es, das auch diejenigen europäischen Völkermassen mitbrachten, die dann hinunterzogen und die griechische und italische Halbinsel bevölkerten. Namentlich sehen wir die Nachzügler dieses Freiheitsgefühls in den alten Etruskern. Selbst in der eigentümlichen Kunst sehen wir dieses starke Freiheitsgefühl der Etrusker strömen, die sich dieses Gefühl auf spirituellem Grunde erhalten hatten. Bevor das eigentliche königlich-römische Reich sich aufgerichtet hatte auf der italischen Halbinsel, war die Etrusker-Bevölkerung da und hatte in ihrer Verfassung etwas in hohem Grade Freiheitliches; sie war auf der einen Seite freilich etwas hierarchisch aufgebaut, andererseits aber war sie auch im höchsten Sinne freiheitlich. Jede Stadt sorgte stark für ihre Freiheit, und irgendeinen Staatsverband im späteren Sinne würden die alten Etrusker als etwas Unerträgliches empfunden haben. Und alles, was da an Freiheit und Persönlichkeitsgefühl nach der südlichen Halbinsel hinunterzog, das kam aus den Ursachen heraus, die wir eben geschildert haben. Jene anderen Menschen aber, die fern hinübergezogen waren nach Asien, die enthielten ein Häuflein, von dem die göttlich-geistigen Welten sich am meisten zurückgezogen hatten. Aber sie hatten sich eines dafür erobert, eines hatten sie sich aus dieser in tiefstes Dämmerdunkel hinabgegangenen Welt gerettet: das «Ich», das «Ich bin» — dieses, daß sie fühlten, daß in dem «Ich bin» ein ewiger Mittelpunkt ihres Wesens war, der aus der geistigen Welt selber stammte; daß alle Gestalten, die man früher gesehen hatte, sozusagen eine heilige Erinnerung bildeten, und daß ihre Stärke auf diesem festen Mittelpunkt beruhte, der ihnen geblieben war. Sie empfanden ihn noch nicht in seiner vollen Gestalt — dazu war eine spätere Zeit notwendig -, aber eine gewisse Gesinnung bildete sich gerade bei denen heraus, die am weitesten fortgeschritten waren, die am tiefsten hinuntergestiegen waren, eine Gesinnung, die ungefähr so geschildert werden könnte: Das, was wir vor allen Dingen zu pflegen haben, ist, unserer Göttlichkeit uns bewußt zu sein in dem, was wir im tiefsten Inneren unserer Seele finden. Wenn auch diese Seele vergessen hat, was sie einst an göttlichen Gestalten schaute, so können wir doch den Weg wiederum zu dem Göttlichen dadurch finden, daß sie in ihr Inneres, in das Ich-Gefühl hineinschaut. — Kurz, es bildete sich die Vorstellung des gestaltlosen Gottes heraus, der nicht in äußeren Formen erscheint, den man in seinem innersten Wesen suchen soll; eine Vorstellung, die uralt ist in dieser Strömung, und die sich in der sich fortentwickelnden Menschheit umgebildet hat in das Gebot: Du sollst dir von deinem Gotte kein Abbild, kein Gleichnis machen.
Cite:
GA 105/1908-08-13/p013 · edition original